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100 Tage Corona

Qualität von Homeschooling ist oft „Glückssache“

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Porträt einer Frau mit Brille. Im Hintergrund Bücherregale. © Nikolas Golsch​/​TU Dortmund
Prof. Ricarda Steinmayr forscht und lehrt an der TU Dort­mund am Institut für Psy­cho­lo­gie der Fakultät Er­zie­hungs­wis­sen­schaft, Psy­cho­lo­gie und Soziologie.

Die „Lehre auf Distanz“ ist vor einigen Wochen durch die Corona-Pandemie zum Alltag vieler Familien geworden. Prof. Ricarda Steinmayr erforscht, welchen psychischen Belastungen Eltern und Kindern durch das Homeschooling ausgesetzt sind und welche Faktoren für die Qualität von digitalem Unterricht ausschlaggebend sind. Im Interview erzählt sie von ihren Forschungsergebnissen und wie sie selbst den Lockdown mit zwei schulpflichtigen Kindern erlebt hat.

Frau Steinmayr, Sie sind mit Ihrer Forschung zum Homeschooling sehr früh gestartet. Wann wurde Ihnen deutlich, dass in diesem Jahr Schule und Hochschule eine digitale Premiere erleben?

Die Gefahr der Ansteckung durch das Virus habe ich verstanden, nachdem ich Anfang März ein Video zur Erklärung der exponentiellen Verbreitung des Coronavirus auf YouTube gesehen hatte. Danach war mir auch bewusst, dass es sehr lange dauern würde, bis das Virus wieder ganz verschwinden wird und auch, dass höchstwahrscheinlich mindestens das Sommersemester digital stattfinden wird. Trotz anfänglicher Bedenken und Unsicherheiten muss ich sagen, dass das digitale Semester erstaunlich gut läuft.

Sie haben zwei schulpflichtige Söhne. Wie haben Sie selbst den Wechsel vom Schulunterricht zum Homeschooling erlebt?

Dass sich im schulischen Sektor einiges verändern wird, ahnte ich, als unser ältester Sohn am Freitag, den 13. März, mit den meisten Schulsachen, die er sonst an der Schule hat, nach Hause kam. Während das Homeschooling auf der Grundschule unseres jüngeren Sohnes sehr gut organisiert war, war mir nach den ersten zwei Wochen klar, dass es auf der weiterführenden Schule unseres ältesten Sohnes lange nicht so gut organisiert ablaufen würde. Die Anleitung, die Organisation für die Woche sowie die Kontrolle der Aufgaben wurden komplett der Familie mir überlassen. Unser Sohn ist zehn Jahre alt und war anfangs wirklich motiviert, aber die Fülle von neuen Anforderungen hat ihn dann doch überfordert.

Was hat das in Ihrer Familie ausgelöst?

Mein Mann und ich kamen auch relativ schnell an unsere Grenzen, da wir beide Vollzeit berufstätig sind und aufgrund der Kontaktsperre keinerlei soziale Unterstützung mehr hatten. Dazu kam noch, dass unser jüngerer Sohn mit seinen sieben Jahren auch viel Aufmerksamkeit einforderte, obwohl seine Klassenlehrerin die Aufgaben gut für die Kinder vorbereitet hatte. Kinder sind nun mal soziale Wesen, die, wenn man ihnen sämtliche sozialen Kontakte nimmt, eben die soziale Zuwendung einfordern, die sie noch haben können, in diesem Fall die Zuwendung durch uns als Eltern oder durch den großen Bruder. Auch wenn die große Nähe in den ersten Wochen des Lockdowns schön war, waren wir alle ziemlich gestresst, obwohl uns natürlich bewusst war, dass wir aufgrund unserer Wohnsituation und sonstigen Ressourcen auf hohem Niveau jammerten.

Welchen Blick haben Sie als Forscherin darauf entwickelt?

Beim Austausch mit meiner Kollegin Hanna Christiansen aus Marburg fragten wir uns, wie es anderen Eltern in weniger vorteilhaften Situationen wohl ergehen würde. Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus Schweden, Dänemark, Großbritannien und den Niederlanden starteten wir deshalb ein Projekt zu den psychischen Belastungen von Eltern und Kindern durch die Corona-Krise und das Homeschooling. Wir hoffen, dass wir basierend auf vorläufigen Daten bald einen internationalen Vergleich zu dieser Fragestellung präsentieren können.

Sie haben dann gleich noch eine zweite Studie intiiert. Was wollten Sie da genauer wissen?

In der ersten Studie fehlte der Fokus auf schulische Variablen, z.B. wie das Homeschooling realisiert wurde. Aus diesem Grund haben Frau Christiansen und ich eine weitere Studie angestoßen unter der inhaltlichen Mithilfe von Frau Dr. Anne Weidinger und der technischen Unterstützung meiner studentischen Hilfskräfte Selina Engelhardt und Sven Jansen. Da die Landesregierungen die Organisation des Lernens auf Distanz komplett den Schulen überlassen hatte, interessierte uns zum einen, wie die verschiedenen Schulen das Homeschooling organisiert hatten und welche Unterschiede es zwischen den Schulen gab. Zum anderen interessierte uns, ob es bestimmte Variablen gab, wie z.B. die häuslichen Ressourcen aber auch fachliche Kompetenzen der Kinder, die im Zusammenhang mit der wahrgenommenen Qualität des Homeschoolings standen. Aus meiner Forschung zu Determinanten der Schulleistung weiß ich, dass Schülermerkmale eine große Rolle bei der Erklärung von Unterschieden im schulischen Kontext spielen. Vorläufige Ergebnisse haben wir bereits aufgearbeitet und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Was sind für Sie die wesentlichen Fragestellungen beim Homeschooling?

Eine der wesentlichen Fragestellungen beim Homeschooling ist die nach den sozialen Disparitäten. Die Studie zur Qualität von Homeschooling diente der Untersuchung, wie Homeschooling an den verschiedenen Schulen realisiert wurde. An den meisten Schulen schicken die Lehrkräfte den Eltern Aufgaben zu, die deren Kinder lösen sollen. Häufig werden keine Lösungen und noch seltener Feedback zu den gelösten Aufgaben zur Verfügung gestellt. Der Erfolg von Homeschooling, so wie es momentan überwiegend realisiert wird, hängt somit stark von den Eltern ab. Eltern müssen über die didaktischen, pädagogischen und fachlichen Kompetenzen verfügen, ihre Kinder bei der Bearbeitung der von den Lehrkräften gestellten Aufgaben zu unterstützen. Darüber hinaus müssen sie dafür die notwendige Zeit zur Verfügung haben und sie müssen über die technischen Kompetenzen und Mittel verfügen, den Kindern die Aufgaben zur Verfügung zu stellen. Somit sind die Voraussetzungen für erfolgreiches Homeschooling in vielen Familien nicht gegeben, was mit hoher Wahrscheinlichkeit vor allem auf sozial schwache Familien zutrifft.

Die einen reden von Homeschooling, die anderen von Lernen auf Distanz. Wo ist der Unterschied?

Die beiden Begriffe werden momentan häufig synonym verwendet, um die coronabedingte Schließung der Schulen und die damit einhergehende Beschulung der Kinder zuhause zu beschreiben. Eigentlich ist der von uns auch verwendete Begriff Homeschooling aber in diesem Kontext falsch, da vor allem im US-amerikanischen Raum der Begriff gewählt wird, wenn Eltern sich aus Überzeugung und freiwillig für eine Beschulung ihrer Kinder zu Hause entscheiden. Davon kann beim Lernen auf Distanz nicht die Rede sein, da das Homeschooling durch das Coronavirus den meisten Eltern aufgezwungen wurde.

Lehrerinnen und Lehrer, die die Ergebnisse Ihrer Umfrage zur Kenntnis bekommen, haben die Chance, ihren digitalen Unterricht noch umzustellen und zu verbessern. Was meinen Sie: Funktioniert das? Und lässt sich das überprüfen?

Ich weiß gar nicht, ob die meisten Lehrkräfte eine Chance dazu haben. Die meisten Schulen haben nicht die Voraussetzungen für eine komplette Umstellung ihres Unterrichts auf digitale Lehre, da die dafür notwendige Hard- und Software vielen Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern nicht zu Verfügung stehen. Es ist meiner Meinung nach Aufgabe der Landesregierungen, die Voraussetzungen für digitale Lehre zu schaffen. Darüber hinaus sollte es klare Vorgaben geben, wie das Lernen auf Distanz von den Lehrkräften zu realisieren ist. Momentan scheint es Glücksache zu sein, ob man eine engagierte Lehrkraft hat, die auch unter den momentanen Bedingungen digital Kontakt zu ihren Schülerinnen und Schülern hält und Lernen auf Distanz nicht nur durch das bloße Zuschicken von Aufgaben realisiert. Aber, das muss an dieser Stelle auch nochmal gesagt werden, diese Lehrkräfte gibt es auch jetzt schon. Weitere Studien sollten schulbezogene Faktoren und Lehrermerkmale untersuchen, die die in unserer Studie festgestellte große Varianz in der Qualität von Homeschooling erklärt.

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