Warum die grüne Wende für Konflikte sorgt
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Weniger klimaschädliche Emissionen, mehr grüne Technologien und eine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Wirtschaft: Diese Ziele standen viele Jahre lang weit oben auf der politischen Agenda und waren in der breiten Bevölkerung konsensfähig. Für Unternehmen wurden Nachhaltigkeitsstrategien zu einer Investition in die Zukunft, um sowohl politischen Vorgaben als auch den Wünschen der Verbraucher*innen zu entsprechen. Kritik an politischen Maßnahmen zum Klimaschutz bezog sich meist darauf, dass sie nicht weit genug gingen und nicht schnell genug umgesetzt würden, um Klimaziele einzuhalten, die zum Beispiel im Pariser Klimaabkommen von 2015 vereinbart wurden.
„Das hat sich in jüngster Zeit geändert“, sagt Prof. Bernd Sommer von der Fakultät Sozialwissenschaften. „In vielen Ländern weltweit erstarken Parteien, die den Klimaschutz grundlegend in Frage stellen und sich dafür einsetzen, bereits bestehende Maßnahmen wieder aufzuweichen oder rückgängig zu machen.“ Doch wie konnte es dazu kommen? Welche Konfliktpunkte sorgen dafür, dass die Transformation hin zu mehr Nachhaltigkeit zunehmend auf Widerstände stößt? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Sommer im Forschungsbereich „Umweltsoziologie mit dem Schwerpunkt Transformationsforschung.“ Konfliktpotenzial sieht er auf Basis seiner Forschung in vielen Lebensbereichen. Denn im Gegensatz zu manchen politischen Erzählungen ist die aktuelle Herangehensweise an den Klimaschutz in vielen Fällen keine Win-Win-Situation für alle.
Die Transformation zur Klimaneutralität stellt gewohnte Praktiken, die mit unserer Identität einhergehen, infrage. Prof. Bernd Sommer
Verschärfte Verteilungskonflikte
So sorgen die Bemühungen um mehr Nachhaltigkeit unter anderem für sozio-ökonomische Verteilungskonflikte. Denn einkommensschwache Haushalte können es sich üblicherweise nicht leisten, in eine Solaranlage zu investieren oder ein Elektroauto anzuschaffen und dadurch in den Genuss entsprechender staatlicher Förderungen zu kommen. Steigende Preise für Strom und Benzin dagegen betreffen gerade die ohnehin schon benachteiligten Gruppen am stärksten. „Ohne entsprechende Ausgleichsmechanismen kann daher die Transformation zur Klimaneutralität in ihrer aktuellen Form soziale Ungleichheiten verstärken und zu einer systematischen Umverteilung von Ressourcen von benachteiligten zu wohlhabenderen Schichten beitragen“, gibt Sommer zu bedenken.
Auch bezüglich der Raumnutzung verschärft der Klimaschutz ohnehin schon bestehende Konflikte. Obwohl Solar- und Windparks bisher nur einen winzigen Teil der deutschen Fläche einnehmen, werden die erneuerbaren Energien zunehmend als Konkurrenz zur Landwirtschaft und zu lokalen Naturschutzprojekten betrachtet. Doch die Konflikte um die Flächennutzung gehen noch weiter. In Städten beispielsweise benötigen privat genutzte PKW viel mehr Platz als alle anderen Verkehrsmittel. Werden jedoch Parkplätze beispielsweise zugunsten von Fahrradwegen oder Grünflächen reduziert, stößt dies schnell auf Kritik der Autofahrer*innen.
Eng damit verbunden ist der vielleicht problematischste Bereich des Klimaschutzes: Für viele Menschen berührt die sozial-ökologische Transformation Fragen der Identität. Beispielsweise sind bestimmte Vorstellungen von Männlichkeit mit umweltschädlichen Verhaltensweisen verknüpft: Grillen auf dem Kohle- oder Gasgrill, hoher Fleischkonsum und schnelle Autos gelten in manchen Kreisen als typisch für „echte Männer“. Doch auch weitere Lebenskonzepte und Wünsche werden in Frage gestellt – sei es das Eigenheim im Grünen oder die Flugreise. „Eine Transformation zur Klimaneutralität bedeutet auch, dass gewohnte Praktiken, die mit der Identität der Menschen in Zusammenhang stehen, infrage gestellt werden“, sagt Sommer. „Unsere Vorstellungen von Normalität geraten ins Wanken: wie wir uns fortbewegen, wie wir uns ernähren, wie wir in den Urlaub fahren, wie wir wohnen. Das wirkt auf Teile der Bevölkerung verunsichernd und bietet einen Nährboden für rechtspopulistische Bewegungen.“
Laut Sommer machen Parteien wie die AfD das eindeutigste Angebot gegen die Transformation: „Das Versprechen lautet: ‚Wir müssen gar nichts ändern. Der Klimawandel ist nicht so schlimm oder wir haben ohnehin keinen Einfluss darauf. Deshalb sollten wir einfach dahin zurück, wie wir es früher einmal gemacht haben‘“, erklärt er. Nicht umsonst nutzte die AfD im Wahlkampf 2021 den Slogan „Deutschland. Aber normal.“ Doch auch abseits rechtspopulistischer Versprechungen gibt es Bestrebungen, die Veränderungen so gering wie möglich zu halten. „Hier fokussiert sich die Hoffnung eher auf technische Lösungen“, so Sommer. Elektro-Autos statt Mobilitätswende, Laborfleisch statt Ernährungswende und E-Fuels für den Luftverkehr. Doch selbst eine solche technische Transformation stößt auf Widerstände. „Das beste Beispiel sind vielleicht die Proteste gegen das sogenannte Heizungsgesetz, nach dem spätestens 2028 alle neuen Heizungen mit 65 Prozent erneuerbarer Energie laufen sollen“, sagt Sommer. „Hier gibt es mit der Wärmepumpe bereits eine funktionierende technische Lösung für das Problem, wie wir nachhaltig, effizient und langfristig auch preiswert heizen können – doch selbst dieser technische Ansatz zur Veränderung wurde Teil eines Kulturkampfes.“
Aus Sommers Sicht könnte es sinnvoll sein, die Herausforderungen der sozial-ökologischen Transformation offener zu kommunizieren und die Bevölkerung bei der Suche nach möglichen Lösungen verstärkt einzubeziehen. „Einen wichtigen Beitrag können Bürger*innenräte leisten, in denen sich zufällig ausgewählte Menschen, die aber die Gesamtbevölkerung repräsentieren, intensiv mit einem Thema auseinandersetzen und Empfehlungen an die Politik erarbeiten“, schlägt Sommer vor. „Die Forschung zu dieser Form der Partizipation zeigt, dass die Bürger*innen in solchen Formaten oft sehr gute, ambitionierte Vorschläge erarbeiten und dabei Herausforderungen offener und mutiger angehen als Politiker*innen.“
Klimaschutz ist kein Elitenprojekt
Auch die allgemeine Akzeptanz entsprechender Maßnahmen kann höher sein, wenn die Initiative dazu aus der Bevölkerung selbst stammt. Wichtig sei dafür aber, dass der Bürger*innenrat so zusammengesetzt ist, dass die Mitglieder ein möglichst breites Bevölkerungsspektrum repräsentieren. Damit verliere das rechtspopulistische Narrativ, der Klimaschutz sei ein Elitenprojekt, seine Grundlage. „Der entscheidende Punkt ist dann allerdings, wie die Vorschläge seitens der Politik aufgenommen und umgesetzt werden“, sagt Sommer. „Wir haben in Deutschland eine repräsentative Demokratie, aber eine kluge Einbeziehung ist durchaus möglich. Dies hat auch die neue Bundesregierung erkannt, die in ihrem Koalitionsvertrag festgehalten hat, entsprechende Formate zu stärken.“
Ein solches System kann laut Sommer dazu beitragen, das Vertrauen in den Staat wieder zu erhöhen. „Das halte ich für einen wichtigen Punkt, um rechtspopulistischen Narrativen etwas entgegenzusetzen“, sagt er. „Denn die rechtspopulistischen Parteien greifen zwar Ängste der Bevölkerung auf, aber ihre Lösungsangebote tragen nicht zwangsläufig dazu bei, dass die Probleme, welche den Ängsten zugrunde liegen, gelöst werden. Es gibt Bevölkerungsgruppen, die sich stärker vor den Folgen des Klimaschutzes fürchten als vor den Folgen des Klimawandels.
Eine politische verantwortungsvolle Reaktion darauf besteht meines Erachtens darin, nicht den Klimaschutz einzustampfen – denn das Problem geht ja nicht dadurch weg, dass man es ignoriert. Stattdessen wäre es sinnvoll, die Politik so auszugestalten, dass beispielsweise die negativen Verteilungswirkungen aufgehoben werden.“
Ähnliches zeigt sich beispielsweise auch beim Thema Migration. Gerade in den Regionen, in denen am wenigsten Ausländer*innen leben, ist die Ausländerfeindlichkeiten am größten. Und Menschen, die ihre Angst vor einem sozialen Abstieg auf Zugewanderte projizieren, werden nicht mehr Geld in der Tasche haben, wenn mehr Menschen abgeschoben werden.
Mehr als ein stabiles Klima
„Statt rechtspopulistische Forderungen aufzugreifen, sollte es darum gehen, Lösungen zu finden, die die Situation von Menschen verbessern, denen beispielsweise ihre Mietkosten oder die Wohnsituation Sorge bereiten“, sagt Sommer. Zentral sei auch, dass die Menschen das Gefühl haben, dass der Staat funktioniert, dass also Infrastruktur, Behörden und öffentliche Institutionen verlässlich sind. „Auch ist es wichtig, zu vermitteln, dass wir bei der sozial-ökologischen Transformation mehr zu gewinnen haben als ein stabiles Klima“, sagt Sommer. „Mit vielen Aspekten des heutigen Lebens sind viele Menschen ganz unabhängig von ökologischen Fragen unzufrieden, etwa im wirtschaftlichen und sozialen Bereich.“
Ein vielversprechender Ansatz ist aus Sommers Sicht die Idee eines Klimageldes, bei dem die Einnahmen aus steigenden CO2-Preisen über eine Pauschale an die Bevölkerung rückverteilt werden. „Diejenigen, die viel emittieren – in der Regel die Wohlhabenden – müssen dadurch mehr zahlen, während diejenigen, die wenig emittieren – in der Regel die weniger Wohlhabenden – trotz steigender Preise unterm Strich einen Zugewinn haben“, erklärt er. „Das würde also nicht nur dem Klimaschutz dienen, sondern zugleich etwas gegen die soziale Ungleichheit in der Gesellschaft tun.
Woran es bislang fehlt, ist unter anderem der politische Wille. „Auf der technischen Seite haben wir erneuerbare Energien, Wärmepumpen und weitere Technologien, die es uns ermöglichen, unseren Alltag ohne gravierende Veränderungen umweltfreundlich zu gestalten. Und auch politische Lösungen wie das Klimageld wurden bereits in anderen Ländern erfolgreich eingeführt“, sagt Sommer. „Die Instrumente für einen erfolgreichen, sozial verträglichen Klimaschutz sind also schon vorhanden. Wir müssen sie nur einsetzen.“
Text: Elena Bernard
Zur Person:
Prof. Dr. Bernd Sommer studierte Sozialwissenschaften in Hannover und London. Er promovierte 2009 in Hannover, arbeitete am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen und war Referent beim Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen. 2018 habilitierte er an der Europa-Universität Flensburg zu den gesellschaftlichen Dimensionen des Klimawandels. Bis 2022 leitete er dort den Bereich „Klima, Kultur und Nachhaltigkeit“ sowie den Masterstudiengang Transformationsstudien, bevor er dem Ruf an die TU Dortmund folgte. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit den Möglichkeiten einer sozial-ökologischen Transformation unter dem Leitbild der Nachhaltigkeit. Dabei interessieren ihn insbesondere die strukturellen Ursachen für Nicht-Nachhaltigkeit in modernen Gesellschaften.
Dies ist ein Beitrag aus der mundo, dem Forschungsmagazin der TU Dortmund.


























