Von Lebensentscheidungen, Vampiren und dem Sprung ins kalte Wasser
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Jeder Mensch macht in seinem Leben unterschiedliche Erfahrungen. Manche sind so einschneidend, dass sie das ganze Leben komplett umkrempeln: ein Berufswechsel, der Umzug in ein anderes Land, eine schwere Krankheit oder die Geburt eines Kindes. Wie beeinflussen solche Wendepunkte im Leben die eigene Identität? Kann ich dadurch sprichwörtlich zu einem „neuen Menschen“ werden oder bleibe ich am Ende doch immer dieselbe? Mit Fragen wie diesen beschäftigt sich Katja Crone. Sie ist Professorin für Philosophie am Institut für Philosophie und Politikwissenschaft der TU Dortmund. In der Auseinandersetzung mit Arbeiten der amerikanischen Philosophin Laurie Ann Paul geht sie der Verbindung von transformativen Erfahrungen und Identität nach.
Frau Crone, was genau ist eine transformative Erfahrung?
Wir machen im Leben manchmal existenzielle, oft unumkehrbare Erfahrungen. Laurie Paul beschreibt diese als „persönlich transformativ“. Sie wirken sich sehr stark auf das Selbst aus, auf die eigenen Präferenzen und Werte und damit auf die Möglichkeit, Entscheidungen im Leben zu fällen. Wenn ich etwa vor der Entscheidung stehe, ob ich mein Leben in meinem aktuellen Kultur- und Sozialkreis aufgeben und in ein anderes Land ziehen sollte, stellt sich die Frage, inwiefern ich überhaupt einschätzen kann, wie es mir nach der Umsetzung einer solchen Entscheidung eigentlich genau geht und wie ich mich dadurch auch verändere. Und genau dieser Sachverhalt ist nach Paul problematisch. Denn vom jetzigen Standpunkt aus kann ich überhaupt noch nicht einschätzen, ob das etwas ist, was ich mir wünschen würde, weil ich schlicht und ergreifend nicht weiß, wie es sich anfühlt, in dieser neuen Situation zu sein. Wenn man sich die rationelle Entscheidungstheorie anschaut, scheint es fast so zu sein, dass wir überhaupt gar keine Entscheidung treffen können, wenn es sich um eine transformative Erfahrung handelt.

Eine wichtige Lebensentscheidung können wir also gar nicht rational treffen, weil wir die Zukunft nicht kennen?
Natürlich ist es im Alltag so, dass wir uns vor wichtigen Entscheidungen typischerweise Informationen einholen, zum Beispiel von Menschen, die schon etwas ähnliches erlebt haben. Auch sind wir generell ganz gut darin, uns in eine andere Situation hineinzuversetzen, also diese zumindest annäherungsweise zu antizipieren. Dennoch kommen wir nie ganz dorthin, wir werden nie ganz genau wissen, wie es ist, das erste Mal Mutter oder Vater zu sein oder in einem anderen Land zu leben. Insofern sind solche Entscheidungen wie ein Sprung ins kalte Wasser.
Wenn ich diesen Sprung ins kalte Wasser gewagt habe, kann das meine Identität derart verändern, dass ich am Ende ein ganz neuer Mensch bin?
Das kommt darauf an, welche Identität Sie meinen. Ich unterscheide zwei Begriffe von Identität. Der eine Begriff, der unserem Alltagsverständnis nahekommt, verweist auf den Kern unserer Persönlichkeit. Und die kann sich durchaus verändern. Im Alltag sagen wir manchmal, dass wir unsere Identität verlieren oder in eine Identitätskrise geraten können. Davon zu unterscheiden ist der Begriff der numerischen Identität. Dies betrifft die reine Existenz einer Person von der Geburt bis zum Tod. Also wenn Sie zum Beispiel jemanden auf der Straße treffen und sich fragen: „Ist das nicht die Person, mit der ich mal zur Grundschule gegangen bin, oder ist das eine andere Person?“, dann nutzen Sie den Identitätsbegriff in diesem numerischen Sinn. Relevant ist diese Unterscheidung, wenn wir uns fragen, was transformative Erfahrungen mit jemandem machen können. Eine Person bleibt meiner Interpretation nach numerisch ein und dieselbe Person vor und nach einer transformativen Erfahrung. Aber ihre Persönlichkeit kann sich durch tiefgreifende Erfahrungen sehr stark verändern.
Wir werden nie ganz genau wissen, wie es ist, das erste Mal Mutter oder Vater zu sein oder in einem anderen Land zu leben. Insofern sind solche Entscheidungen wie ein Sprung ins kalte Wasser. Prof. Katja Crone
Gibt es verschiedene Stufen transformativer Erfahrungen?
Laurie Paul unterscheidet zunächst zwischen zwei Formen transformativer Erfahrungen. Die eine Form nennt sie „epistemisch transformativ“. Man probiert zum Beispiel eine exotische Frucht zum allerersten Mal und hat überhaupt keine Idee, wie die schmecken könnte. Auch bei diesem Beispiel erfährt man etwas völlig Neues und weiß erst nach dem Probieren, wie die Frucht schmeckt. Aber das wirkt sich nicht auf meine Persönlichkeit aus. Anders verhält es sich bei „persönlich transformativen“ Erfahrungen. Wenn man zum Beispiel das erste Mal im Leben Eltern wird, in ein fremdes Land zieht oder – und das ist ein bisschen exotisch bei den Beispielen von Laurie Paul – man ein Vampir wird. Dieses Gedankenexperiment soll deutlich machen, dass es tiefgreifende Erfahrungen geben kann im Leben, deren Konsequenzen man nicht genau antizipieren kann und die unumkehrbar sind.

Vom Menschen zum Vampir – das ist dann doch eine sehr radikale Veränderung. Man kann sich kaum vorstellen, dass der Kern der Persönlichkeit durch eine solche Transformation bestehen bleibt.
Wie gesagt, der Vampir ist eher ein Gedankenexperiment. Studien aus der Psychologie zeigen, dass unsere Persönlichkeit im Kern relativ robust bleibt. Man verändert sich zwar im Laufe des Lebens und im Zuge von unterschiedlichen Lebensphasen. Aber wahrscheinlich wird eine Person, die schon als Kind besonders feinfühlig und empathisch war, diese Eigenschaft auch noch im hohen Alter besitzen. Eine Person, die stark ihre Gefühle auslebt, mag im Laufe der Jahre vielleicht lernen, ihre Wutausbrüche zu moderieren und zu kontrollieren. Trotzdem wird sie immer noch sehr stark Gefühle empfinden.
Also kann ich am Ende trotz aller Wendepunkte im Leben doch nicht aus meiner Haut?
Man kann natürlich ein neues Leben anfangen, man kann sich auf eine Art neu entwerfen. Es können unerwartete Dinge im Leben passieren. Das alles sind Veränderungen, die wir in unser Selbstverständnis integrieren.
Wir versuchen, etwas Kohärentes über uns zu denken und nach außen zu transportieren. So können wir einen Bogen spannen und mögliche Brüche im Leben erklären. Dazu gehören auch viele transformative Erfahrungen, die wir in unser lebensgeschichtliches Narrativ einbetten. Prof. Katja Crone
Gibt es einen Unterschied, in welcher Lebensphase ich auf mein Selbst blicke?
In allen Lebensphasen interpretiert man Erfahrungen, die man gemacht hat, aus einer heutigen Perspektive. Das gehört einfach zu unserem Selbstverständnis dazu. Ich würde nicht sagen, dass sich diese Frage im hohen Alter in besonderem Maße stellt. Aber rein quantitativ stimmt es natürlich. Man hat mit zunehmendem Alter viel mehr transformative Erfahrungen gemacht, die man dann rückblickend interpretiert und einordnet in seine Lebensgeschichte, was einem alles widerfahren ist und wie man daraus gelernt hat.
Wenn ich vor einer lebenswichtigen Entscheidung stehe, was hilft mir diese Erkenntnis?
Laurie Paul sagt, dass man in der Gegenwart im Grunde genommen keine rationale Entscheidung für die Zukunft treffen kann, da man seine künftigen Präferenzen nicht kennt. Das ist natürlich ein Problem. Denn wir müssen ja ganz oft Entscheidungen treffen, die unser Leben verändern können. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt können wir aber sagen: Das probiere ich jetzt einfach mal aus, auch auf die Gefahr hin, dass es vielleicht nicht das Richtige für mich ist und ich es nicht mehr rückgängig machen kann. Wir haben die Wahl. Wir können uns für eine substanzielle persönliche Veränderung entscheiden. Und das allein ist doch etwas Positives.
Interview: Christiane Spänhoff
Zur Person
Prof. Dr. Katja Crone ist seit 2014 Professorin für Philosophie mit dem Schwerpunkt Philosophie des Geistes am Institut für Philosophie und Politikwissenschaft der TU Dortmund. Nach ihrem Studium der Philosophie und Literaturwissenschaften in Montpellier und Hamburg und einem Forschungsaufenthalt in London promovierte sie 2004 an der Universität Hamburg. Sie arbeitete als wissenschaftliche Referentin in der Geschäftsstelle des Nationalen Ethikrates, später als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Halle, an der Humboldt-Universität zu Berlin, der Berlin School of Mind and Brain und an der Universität Mannheim. Ihre Habilitationsschrift erschien 2016 unter dem Titel „Identität von Personen. Eine Strukturanalyse des biographischen Selbstverständnisses“.
Perspektiven aus Religion und Kunst

Über Sakramente an den Knotenpunkten des Lebens

Im katholischen Verständnis wird ein Mensch durch die Taufe Teil der christlichen Gemeinschaft. Theologisch wird dies mit teils kräftigen Metaphern beschrieben: Der „alte“ Mensch stirbt und wird durch die Taufe „neugeboren“ als Christ. Auch andere Sakramente wie Firmung oder Weihe lassen sich als ein solches Transformationsgeschehen deuten. Es gibt lange Diskussionen darüber, wie unumkehrbar diese Veränderung ist. Traditionell wird davon ausgegangen, dass dem Menschen sakramental ein unlöschbares Zeichen eingeprägt wird (character indelebilis), wodurch der Mensch somit unumkehrbar ein anderer geworden sei. Von so einem „verdinglichten“ Verständnis wendet sich zeitgenössische Theologie ab und betrachtet Sakramente eher als (neues) Beziehungsgeschehen zwischen Gott und Mensch sowie Menschen untereinander.
Interessant ist, dass trotz dieser oft sperrigen Theologie, Sakramente an den Knotenpunkten des Lebens immer noch verhältnismäßig stark nachgefragt werden. Ein Grund hierfür mag in der von Katja Crone beschriebenen offenen Situation bei Transformationen liegen: Wir müssen Entscheidungen treffen oder sind von Transformationen betroffen, ohne dass wir wissen, wie sich diese auf unser Leben und unsere Identität auswirken werden. Vielleicht führt diese Unsicherheit dazu, dass Eltern ihr Kind, Paare ihre Ehe oder Menschen ihre schwere Krankheit unter den Schutz und Segen einer höheren Macht stellen und damit die Kontingenz des Lebens zum Guten transformieren wollen.
Prof. Claudia Gärtner
Professorin für Praktische Theologie

Vom biblischen Exodus als kollektive Transformation

Im biblischen Buch „Exodus“ wird geschildert, wie das Volk Israel unter der Leitung von Mose aus Ägypten herausgeführt wird. Dann berichtet die Bibel von einem großen Wunder: Das Wasser des Roten Meeres teilt sich, und das Volk Israel zieht sicher hindurch, während die Verfolger zurückbleiben müssen. Diese Schilderung muss man nicht historisch nehmen, sie zeigt vielmehr mit einem symbolischen Paukenschlag eine kollektive Transformation. Ein Volk, das in Arbeitssklaverei gehalten wird, ist plötzlich seine Gewaltherrscher los und kann selbstbestimmt leben. Es ist der Verfolgung entronnen, weiß aber noch nicht, was das für die weitere Zukunft heißt und wie es mit der neuen Freiheit weitergehen wird.
In dieser Exodus-Erzählung steht ein Volk vor einer ganz neuen Erfahrung und Lebensweise, die es sich sehnlichst wünscht, von der es aber noch gar nicht genau weiß, was das in Zukunft bedeuten wird, welche Lebensweisen damit verbunden sein werden. In der Erzählung der Bibel steht die nun beginnende vierzigjährige Wüstenwanderung für diese neue transformative Phase: Es braucht viel Zeit, um im Neuen ankommen zu können. Erst nach diesen vierzig Jahren ist das Volk anscheinend bereit, das Land der Verheißung zu betreten.
Man kann also auch die biblischen Texte unter dieser Fragestellung der Transformation lesen und gewinnt neue Erkenntnisdimensionen dabei. Und es handelt sich nicht allein um einen „Vergangenheitstext“, denn jedes Jahr wird im Judentum mit dem Pessachfest genau diese Erinnerung an den Exodus gefeiert. Die Erzählung wird in ein Ritual überführt, und das bedeutet auch: Die Vergangenheit hält Erfahrungen bereit, die für die Transformationen der Zukunft bereit machen.
Prof. Egbert Ballhorn
Professor für Exegese und Theologie des Alten Testaments
Transformation provozieren – Bildmittel bei Michelangelo
Als Michelangelo 1541 die Malereien an seinem Fresko des „Jüngsten Gerichts“ in der Sixtinischen Kapelle abschloss, war nicht abzusehen, dass es später im Zusammenhang des Konklave als transformativer Ort fungieren würde. Es hatte zwar Bewunderung für seinen außerordentlichen Kunstcharakter erfahren, ob der verdrehten, nackten Körper und des bartlosen, muskulösen Christus wurde aber auch viel Kritik geäußert. Dass man dem Fresko seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts zutraut, die Gewissensentscheidungen der Papstwähler zu beeinflussen, ist also keine Selbstverständlichkeit. Wie ist das zu erklären?

Ein Argument wären die inszenatorischen Mittel: Dargestellt ist das Ende aller Zeiten, der Jüngste Tag, an dem Christus wiederkehrt, um über die Menschen zu richten und ihnen den Zugang zum Himmelreich zu gewähren oder sie zu ewigem Höllenfeuer zu verdammen. Michelangelo hat die etwa 200 Quadratmeter große Fläche mit über 390 Figuren bemalt, deren Nacktheit und Verletzlichkeit, Hoffen und Leiden, Flehen und Schrecken sowie deren Ringen ums ewige Leben die Themen sind. Die gewaltige Wandfläche neigt sich dem Betrachter entgegen, sie drängt sich geradezu körperlich auf. Das Gerichtsfresko wird durch keinerlei rahmende Struktur eingehegt, im Gegenteil, es wirkt, als sei die gesamte Kapellenwand weggebrochen und wir würden in die apokalyptische Landschaft hinaussehen, die sich vor unseren Augen ereignet. Dabei ist es ausgerechnet das Fegefeuer, in das wir auf Augenhöhe über dem Altar blicken. Als die Kardinäle 1621/22 entschieden, genau hier die Papstwahl mit einem Eid zu verbinden, hatte man bereits seit 80 Jahren die Gelegenheit, die transformative Wirkung des Freskos am eigenen Leib zu erfahren.
Prof. Kirsten Lee Bierbaum
Professorin für Kunstgeschichte und Bildwissenschaft
Dies ist ein Beitrag aus der mundo, dem Forschungsmagazin der TU Dortmund.























