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Klimaanpassung? Liegt nahe!

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Foto: Eine grüne Landschaft mit Feldern, einem See und der untergehenden Sonne im Hintergrund. © picture alliance​/​Countrypixel​/​FRP
Ein kleines Wäldchen hier, eine begrünte Düne dort – was klein wirkt, kann in Summe Großes bewirken. Forschende der Fakultät Raumplanung arbeiten mit europäischen Partnern daran, künftig auch private Flächen zu nutzen, um Europa klimaresilient zu machen.

Der Regen hörte einfach nicht auf. Irgendwann mischte sich das Prasseln der Tropfen mit dem Rauschen der durch die Straßen tosenden Fluten. Ein ganzer Badewanneninhalt, 150 Liter, fielen innerhalb von 24 Stunden pro Quadratmeter. Damals, im Juli 2021 im Ahrtal.

Mehr als 180 Menschen verloren ihr Leben, mehr als 800 wurden verletzt. Wie viele psychische Narben blieben, lässt sich kaum beziffern. Allein in Nordrhein-Westfalen wurden 20.000 Privathaushalte und rund 7.000 Unternehmenssitze beschädigt oder zerstört. Diese Zahlen benennt der Abschlussbericht des Bundes zur Flutkatastrophe, der im August 2024 erschien. Und er vergleicht: Seit 1990 fielen in diesem Gebiet im Durchschnitt im gesamten Monat Juli keine 70 Liter. Die enormen Regenmengen trafen auf Böden, die durch den Niederschlag der Vorwochen kein Wasser mehr aufnehmen konnten. Sie trafen aber auch auf dichte Bebauung, versiegelte Flächen und zu wenige natürliche Rückhalteräume, die Überschwemmungen hätten verhindern können.

Die Katastrophe im Sommer 2021 hat schmerzhaft deutlich gemacht, dass Überflutungsvorsorge und andere Anpassungen an das sich verändernde Klima längst überfällig sind. Es drohen häufigere Hochwasser, Dürreperioden, Waldbrände, der Verlust der biologischen Vielfalt sowie Bodenschädigung durch Erosion. So hat der Bund in seiner Klimaanpassungsstrategie 2024 mehrere Ziele beschlossen: mehr kühlende Grünflächen gegen Hitze, angepasste Flussläufe und Moore gegen Überflutungen im besiedelten Raum, eine überarbeitete Nina-App als besseres Warnsystem für die Bevölkerung. „Kommunen sollen ihre Klimaanpassungsmaßnahmen erweitern und verbessern“, heißt es dazu auf den Seiten der Bundesregierung. „Bis 2030 sollen für 80 Prozent der Gemeinden Konzepte vorliegen.“

Klimaanpassung braucht Fläche. Diese als öffentliche Hand zu kaufen, sprengt jeden Haushalt. Prof. Thomas Hartmann

„Klimaanpassung braucht viel Fläche“, sagt Prof. Thomas Hartmann, Professor für Bodenpolitik, Bodenmanagement und kommunales Vermessungswesen an der Fakultät Raumplanung. „Und diese als öffentliche Hand immer zu kaufen, das sprengt jeden Haushalt.“ Daher hat er gemeinsam mit Prof. Stefan Greiving, Professor für Regionalentwicklung und Risikomanagement, ebenfalls an der Fakultät Raumplanung, das Projekt LAND4CLIMATE ins Leben gerufen: Unter der Leitung der beiden Dortmunder Professoren arbeiten Kolleg*innen von 17 Partnerinstitutionen an der Frage, wie Europa durch naturbasierte Lösungen klimaresilienter werden kann. Sechs Gebiete in Deutschland, Österreich, Tschechien, Italien, Rumänien und in der Slowakei sind dabei Vorreiterregionen für die kontinentale biogeographische Region. Diese ist besonders anfällig für Klimarisiken, weil die Temperaturen im Verlauf des Jahres stark schwanken.

Die Karte hebt die sechs Vorreiterregionen in Europa hervor, in denen LAND4CLIMATE den Einsatz von naturbasierten Lösungen (NBS) auf Privatland erprobt. Dargestellt sind die wichtigsten Klimabedrohungen (orange) sowie die spezifischen Lösungen (grün), die als Reaktion darauf getestet werden.

Schutz wurzelt im Garten

Was den Ansatz von LAND4CLIMATE besonders macht: Die Forschenden möchten Maßnahmen für Privatflächen realisieren. Die Maßnahmen werden dann – nach individueller Zustimmung der Eigentümer*innen – auf deren eigenem Grund umgesetzt. In Gärten, auf Ackerflächen, auf ungenutzten Brachen. Dabei setzt das Projekt auf sogenannte NBS: naturbasierte Lösungen (nature-based solutions), die von der Natur inspiriert oder kopiert sind und die der Klimaanpassung und Steigerung der Resilienz dienen.

Beispiele für NBS gibt es viele: Aufforstung, Umwandlung von Ackerland in Grünland, Querpflügen statt Längspflügen am Hang, Dachbegrünung, Entsiegelung von Flächen, natürliche Überflutungsgebiete, Regenwasserversickerungsmulden, das Anlegen kleiner Habitate für Insekten, Amphibien, Vögel oder Kleinsäuger. In erster Linie geht es um den Wasserhaushalt – das Kernthema der meisten Klimamaßnahmen. Dabei haben alle naturbasierten Lösungen gemein, dass sie mehr Fläche benötigen als konventionelle Maßnahmen wie Deiche, Talsperren oder Hochwasserrückhaltebecken. „Es gibt daher keine Alternative dazu, private Flächen einzubeziehen“, resümiert Hartmann. „Doch wir betreten hier im wahren Wortsinn Neuland. Das hat vor uns noch keiner gemacht.“

Das Projekt wird seit September 2023 bis August 2027 mit 13 Millionen Euro innerhalb des Horizon-Programms von der EU gefördert. Unter der Leitung von Prof. Stefan Greiving und Prof. Thomas Hartmann von der Fakultät Raumplanung der TU Dortmund geht das Konsortium der Frage nach, wie naturbasierte Lösungen auf privatem Land Europa an den Klimawandel anpassen können. Die anderen 16 Partnerorganisationen stammen aus sechs Ländern. Aus der Wissenschaft sind dabei: die RWTH Aachen (Deutschland), die Jan-Evangelista-Purkyně-Universität Ústí nad Labem (Tschechien), die Universität für Bodenkultur Wien (Österreich), die Agentur zur Unterstützung der regionalen Entwicklung Košice (Slowakei), die Universität Bologna (Italien) sowie die Polytechnische Universität Temeswar (Rumänien). Vor Ort arbeiten die Wissen­schaft­ler*innen zudem mit lokalen Institutionen zusammen. Vorreiterregionen sind der Kreis Euskirchen in Deutschland, der Nationalpark Böhmische Schweiz in Tschechien, das Einzugsgebiet des Flusses Lafnitz in Österreich, die Region Košice in der Slowakei, die Region Ost-Emilia in Italien und das Einzugsgebiet des Flusses Temesch in Rumänien.

Zwei große Herausforderungen bringt das Projekt mit sich: Zum einen muss jede Person, der Land gehört, individuell angesprochen werden. Private Grundstücke sind in der Regel nicht groß, es sei denn, es sind Ackerflächen; doch die werden naturgemäß zum großen Teil landwirtschaftlich genutzt. Daher gilt: Je mehr Privateigentümer*innen mitmachen, desto größer die Fläche und damit der Effekt. Zum anderen stellt sich die Frage nach dem Upscaling: Wie lassen sich die Einzelmaßnahmen im größeren Verbund umsetzen? Der Ansatz der Forschenden: „Wir gehen die Dinge aus wissenschaftlicher Perspektive von einer ungewöhnlichen Seite an. Wir suchen zunächst diejenigen, die grundsätzlich mitmachen und versuchen erst dann, umzusetzen, was möglich ist“, so Hartmann. Greiving ergänzt: „Was umsetzbar ist, hängt also nicht in erster Linie von der Effektivität und Kosteneffizienz der Anpassungsmaßnahme ab.“

Ende 2024 haben sich im Kreis Euskirchen die Projektverantwortlichen von LAND4CLIMATE mit Landwirten getroffen und praktische Lösungen für die Klimaresilienz sowie Finanzierungsmöglichkeiten besprochen.

Gesucht: Philanthropen mit Grundeigentum

Damit die Ideen aus LAND4CLIMATE nicht in der Konzeptphase steckenbleiben, suchen die Forschenden Eigentümer*innen, die mitziehen und Land besitzen – das sich entsiegeln lässt, auf dem ein Wäldchen oder ein natürlicher Rückhalteraum entstehen kann.

Dazu arbeiten die Forschenden derzeit eine „Persona“ aus; einen möglichst detailliert beschriebenen, aber fiktiven Menschen, der stellvertretend für diejenigen steht, die sich am ehesten in LAND4CLIMATE engagieren. Arbeitstitel: „philanthropischer Bodeneigentümer“. Da im Grundbuch oft Männer eingetragen sind, ist er tendenziell männlich, fest in der lokalen Gemeinschaft verankert, vielleicht Bürgermeister, hat ein eher gesetztes Alter, ist finanziell gut aufgestellt und engagiert sich zum Beispiel im Jagdverein oder Bauernverband. Um diesen Typ Mensch auszumachen, arbeitet das Konsortium in allen europäischen Regionen mit Kontakten vor Ort – lokalen Vertrauenspersonen, die wissen, wen sie wie ansprechen können.

Wie im Kreis Euskirchen. Hier gibt es verschiedene Beteiligungsformate wie Umfragen oder Workshops. Landwirt*innen wurden die Konzepte bereits persönlich in einer Versammlung vorgestellt. „Die Reaktionen sind unterschiedlich“, berichtet Hartmann. „Man kann keine generelle Tendenz benennen, alles hängt vom einzelnen Menschen ab. Daher ist es ein langsamer Prozess.“

Ebenfalls entscheidend für den Erfolg der Kontaktleute können Vorbehalte sein, die Menschen in postsozialistischen Ländern wie Rumänien, Tschechien oder der Slowakei gegenüber Behörden haben. „Als öffentliche Organisation in Eigentum einzugreifen, wird als sozialistisch angesehen“, erklärt Hartmann. „Man wird misstrauisch beobachtet.“ Ansonsten sehen die Forschenden allerdings keine kulturellen oder geographischen Unterschiede in der Reaktion der Menschen auf ihre Vorschläge.

Gelegentlich treffe die sorgfältig vorgehende Wissenschaft auf die Realität des Lebens, schmunzelt Hartmann: „Wir arbeiten eng mit lokalen Behörden zusammen. Und während wir Forschenden erst noch planen möchten – schön wissenschaftlich fundiert –, wollen unsere Praxispartner*innen sofort starten, um erforderliche Genehmigungen einzuholen. Wissenschaft kennt sich mit den Sachzwängen des Alltags nicht aus.“

Held*innen in Gummistiefeln

Die Forschenden hoffen, dass erfolgreich umgesetzte Maßnahmen in den Vorreiterregionen Schule machen und wie beim Schneeballeffekt mehr Grundeigentümer*innen auf sie zukommen oder die Maßnahmen gar von allein umsetzen. Je mehr, desto besser! Für alle Flächengrößen und -beschaffenheiten gibt es mögliche NBS: vom eigenhändig gesetzten Miscanthus im Garten über die Entsiegelung des Vorgartens bis zum aufgegebenen Steinbruch in privater Hand, der als natürliches Überschwemmungsgebiet für einen Fluss dienen kann. Miscanthus, auch Chinaschilf oder Elefantengras genannt, wird einerseits als Rohstoff- und Energielieferant genutzt, kann aber auch enorm viel Wasser speichern und bildet so einen natürlichen Schutz vor Hochwasser. Zudem ist das Süßgras frosthart und recht anspruchslos – ein idealer, niederschwelliger Ansatz für Privatleute.

Beispiele für erfolgreich umgesetzte Projekte auf Privatland sind ein kleines Wäldchen („Tiny Forest“) auf 329 Quadratmetern in Euskirchen, eine 300 Meter lange Düne im Po-Delta in Italien sowie kleinere Maßnahmen wie niedrige Wälle und das Pflügen parallel zum Hang auf Äckern mit Gefälle, um das Wasser zu halten. In Euskirchen soll zudem ein lokaler Markt für den Anbau und die Verarbeitung von Miscanthus entstehen, und in Krasna Lipa in Tschechien wird in Kürze ein Bach aufgeweitet.

Foto: Ein dichter Bestand hoher grüner Pflanzen am Rand eines Feldes. © hjschneider​/​stock.adobe.com
Erste Maßnahmen werden bereits auf Privatland umgesetzt.
Foto: Personen pflanzen einen jungen Baum und arbeiten an einer Holzstruktur auf einem frostigen Grundstück vor Wohnhäusern. © Jonathan Schulze
Miscanthus dient als natürlicher Hochwasserschutz (links) und ein Tiny Forest (oben) soll Schatten spenden.
Foto: Eine natürliche Landschaft mit Grasflächen und einem Waldstreifen unter blauem Himmel. © Po Delta Regional Park
Im Po-Delta in Italien wurde eine 300 Meter lange Düne bepflanzt (unten).

„Naturbasierte Lösungen alleine bieten zwar keinen ausreichenden Schutz gegen wirkliche Extrem-Ereignisse“, so Greiving. „Sie sind aber komplementär zum technischen Hochwasser- und Dürremanagement von Bund, Ländern und Kommunen. So helfen sie vor allem bei den vielen kleinen und damit häufigeren Hochwasser- und Starkregenereignissen und steigern zudem die Lebensqualität gerade in Städten. Aber es ist unbedingt nötig, Maßnahmen auch auf Privatflächen umzusetzen, da sich ein Großteil der städtischen und ländlichen Grundstücke in Europa in Privatbesitz befindet.“ Europa soll zum klimaresilienten System werden, betont Hartmann: „Wenn es nach unseren Vorstellungen läuft, haben wir am Ende des Projekts eine Blaupause, die uns sagt, wie wir die Maßnahmen in größerem Rahmen umsetzen können. Wahre Helden tragen eben kein Cape, sondern einen Spaten.“

Text: Birte Vierjahn


Zu den Personen:

Dies ist ein Beitrag aus der mundo, dem Forschungsmagazin der TU Dortmund.

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