Wie Digitalität unsere Lesekultur verändert
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Was verbirgt sich hinter dem Begriff „Contemporary Reading Cultures“?
Nicole Mellin: Er bezeichnet gegenwärtige Formen des Lesens, die stark durch Digitalität geprägt sind. Während Lesen schon lange ein zentrales Thema der Literaturwissenschaft ist, befinden wir uns aktuell an einem Punkt, an dem soziale Medien, Plattformen und Algorithmen maßgeblich beeinflussen, wie gelesen wird und wie Popularität für Bücher entsteht. In Online-Communities beobachten wir dabei eine starke Selbstreferenzialität: Neben Buchempfehlungen und Leseberichten wird intensiv darüber diskutiert, was überhaupt als Lesen gilt oder wer als „gute*r Leser*in“ wahrgenommen wird.
Katharina Röder: Gleichzeitig lässt sich eine zunehmende Kommerzialisierung beobachten. Lesen wird nicht mehr nur als Praxis verstanden, sondern auch als etwas, das sich darstellen, vermarkten und vergleichen lässt. Debatten darüber, wie viele Bücher man im Jahr lesen kann oder ob Hörbücher als Bücher zählen, führen insbesondere in populären Genres wie Romance oder Fantasy zu Hierarchisierungen innerhalb der Communities. Auch das Lesen von Klassikern gewinnt in diesem Zusammenhang eine neue Bedeutung, etwa als Mittel der Abgrenzung und Selbstpositionierung.
Wo sehen Sie die größten Chancen, aber auch die zentralen Spannungsfelder dieser Entwicklung?
Nicole Mellin: Wir beobachten, dass sich auch jenseits des klassischen Literaturbetriebs ein Kanon herausbilden kann, der widerspiegelt, was in digitalen Öffentlichkeiten als „gutes“ Buch gilt. Gleichzeitig ist es wichtig, kritisch zu hinterfragen, welche Titel und Stimmen Teil dieser Trends sind. Häufig zeigt sich dabei ein Mangel an Diversität sowie eine Tendenz zur massenhaften Produktion trendangepasster Bücher, vergleichbar mit Fast Fashion. Diese Dynamiken sind nicht neu, werden durch Digitalisierung und algorithmische Logiken jedoch verstärkt. Hinzu kommt, dass im Kontext von Künstlicher Intelligenz die Gefahr besteht, dass Texte weniger intensiv rezipiert werden und grundlegende Medienkompetenzen zurückgehen.
Katharina Röder: Gleichzeitig bieten diese Phänomene aber auch große Chancen: Aktuelle Lese-, Schreib- und Veröffentlichungspraktiken können Literatur demokratisieren und insbesondere marginalisierten Stimmen mehr Sichtbarkeit verschaffen. Dass Genres wie Romantasy oder Fanfiction, mit überwiegend weiblichem Publikum, häufig abgewertet werden, verweist jedoch auf tradierte Geschlechterbilder, wie sie auch in anderen Bereichen der Popkultur zu beobachten sind. Umso wichtiger ist es, eigene Bewertungsmaßstäbe und Voreingenommenheiten zu reflektieren und zu hinterfragen, ob Kritik tatsächlich auf inhaltlichen Aspekten beruht oder auf überholten Vorstellungen davon, was als „wertvolle“ Kultur gilt.
Wie ist die Idee zur Konferenz entstanden und warum gerade jetzt?
Nicole Mellin: Die Idee ist direkt aus unserer eigenen Forschung und unseren Interessen an Populärkultur entstanden. Uns ist wichtig, wissenschaftliche Fragestellungen mit Phänomenen zu verbinden, die eng an gegenwärtige Lebensrealitäten gekoppelt sind, insbesondere dort, wo Populärkultur und Digitalität zusammentreffen. Gerade diese Bereiche sind an Universitäten bislang noch unterrepräsentiert.
Katharina Röder: Zugleich erleben wir derzeit, wie Online-Communities wie „BookTok“ oder „Bookstagram“ immer stärker öffentliche Diskurse über Literatur prägen. Diese Entwicklungen machen eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit populären Genres wie Romance, Fantasy oder Fanfiction besonders dringlich. Die Konferenz ist für uns daher auch ein Versuch, Forschung, Lehre und persönliche Interessen zusammenzuführen.
Die Konferenz „Contemporary Reading Cultures“ findet am Donnerstag, 29. Januar, und Freitag, 30. Januar 2026, im Internationalen Begegnungszentrum (IBZ) statt. Weitere Informationen zum Programm und zur Anmeldung finden sich auf der Konferenzwebsite.
Zu den Personen:
Nicole Mellin hat 2024 ihr Lehramtsstudium an der TU Dortmund abgeschlossen und ist seitdem als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Amerikanistik der Fakultät Kulturwissenschaften tätig und promoviert dort zum Thema Video Games and Adaptation (Arbeitstitel).
Katharina Röder absolvierte 2021 den Masterstudiengang Angewandte Literatur- und Kulturwissenschaften. Nach einer Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Regensburg ist sie 2025 wieder an die TU Dortmund zurückgekehrt. Sie ist ebenfalls als wissenschaftliche Mittarbeiterin im Bereich Amerikanistik der Fakultät Kulturwissenschaften tätig und promoviert dort zum Thema Queer Resistance in Contemporary Dystopias (Arbeitstitel).



















