Zum Inhalt
Kulturelle Teilhabe

Ballett-Inszenierungen hören und ertasten

-
in
  • Top-Meldungen
  • Forschung
  • Campus & Kultur
Foto: Ein Tänzer in Hemd und dunkler Hose und eine Tänzerin im roten Kleid stehen gemeinsam auf der Bühne in der Ballett-Produktion "Carmen". © Bettina Stöß
Bei seiner Produktion von „Carmen“ bietet das Aalto Ballett in Essen an drei Vorstellungen eine Live-Audiodeskription für blinde und sehbeeinträchtigte Besucher*innen an. Im Bild: Wataru Shimizu als Don José und Yuki Kishimoto als Carmen.
Durch eine Live-Audiodeskription und Tastführungen möchte das Aalto Ballett in Essen seine Produktion von „Carmen“ von Johan Inger für Menschen mit Blindheit oder Sehbeeinträchtigungen erlebbar machen. Forschende des Fachgebiets „Sehen, Sehbeeinträchtigung & Blindheit“ an der Fakultät Rehabilitationswissenschaften begleiten die Umsetzung dieses Vorhabens unter der Leitung von Dr. Regina Moritz. Gemeinsam mit dem Aalto Ballett wollen sie das Angebot evaluieren und dadurch herausfinden, welche Erwartungen und Bedürfnisse blinde und sehbeeinträchtigte Personen beim Besuch von Ballett-Inszenierungen haben.

An drei Terminen in diesem Frühjahr bietet das Aalto Ballett unter anderem einen Abhol- und Begleitservice und eine Live-Audiodeskription an, die über Kopfhörer übertragen wird. Die drei Audiodeskriptor*innen Jutta Endes, Johanna Krins und Felix Koch haben im Vorfeld einen Text zum Stück erarbeitet, der den Besucher*innen beschreibt, was auf der Bühne passiert. Dieser wird live während der Vorstellung von Jutta Endes eingesprochen. Von einer Sprechkabine aus hat sie die Bühne dabei fest im Blick. Falls etwas Unvorhergesehenes passiert oder sich der Ablauf ändert, weil beispielsweise jemand stürzt, dann kann sie spontan darauf reagieren und die Audiodeskription anpassen. So sollen seheingeschränkte oder blinde Personen am Geschehen auf der Bühne teilhaben können. Zwei Stunden vor der Vorstellung wird außerdem eine Tastführung mit Bühnenbegehung angeboten. Bei der Führung können die Besucher*innen Requisiten, Teile des Bühnenbilds oder Kostüme wie Carmens rotes Kleid oder Ballettschläppchen ertasten. Zudem vermitteln taktile Übersichtspläne ihnen einen Eindruck von der Bühnengestaltung.  

Um zu evaluieren, wie das inklusive Konzept bei der Zielgruppe ankommt, kooperiert das Aalto Ballett mit dem Fachgebiet „Sehen, Sehbeeinträchtigung & Blindheit“ der TU Dortmund. Dort forscht Dr. Regina Moritz im Projekt KUBUS zur kulturellen Teilhabe bei Blindheit und Sehbeeinträchtigungen: „Bislang haben wir uns vornehmlich mit dem Zugang zu Kultur in Museen beschäftigt“, berichtet die Wissenschaftlerin. Dann erfuhr sie über einen Newsletter von der Inszenierung am Aalto Ballett und fragte sich: „Wenn wir schon Studien zu Museen machen, warum nicht auch in der darstellenden Kunst?“ 

Um herauszufinden, welche Erwartungen und Bedürfnisse die blinden und sehbeeinträchtigten Besucher*innen haben, haben die Forschenden einen Fragebogen für die Besucher*innen entwickelt. Darin erheben sie, ob und wie die Angebote von Tastführung und Audiodeskription das Ballett für sie erlebbar gemacht haben. Derzeit gibt es noch wenig Forschung zu Besucher*innen mit Sehbeeinträchtigung oder Blindheit im kulturellen Kontext, die die Perspektive der Personen miteinbezieht. „Zukünftig könnten solche standardisierten Untersuchungen kulturellen Einrichtungen dabei helfen, ihre Angebote systematisch hinsichtlich Barrieren und Zugänglichkeit zu überprüfen und optimal und effizient anzupassen“, erklärt Dr. Regina Moritz.

Das gemeinsame Projekt mit dem Aalto Ballett läuft noch bis zur letzten Vorstellung mit Audiodeskription im Juni. „Ich erhoffe mir vor allem Antworten auf die Fragen: Lohnt sich das Angebot – und zwar für alle Akteur*innen? Und was kann man noch tun, damit es sich lohnt?“, erklärt Dr. Regina Moritz. Aus ihrer Sicht gibt es derzeit noch wenig Bewusstsein dafür, wie einfach und niedrigschwellig inklusive Angebote von Kultureinrichtungen umgesetzt werden können und dass diese Angebote auch anderen Menschen einen Mehrwert bieten können. „Zugänge auf mehreren Sinneskanälen zu schaffen, das spricht eigentlich alle Menschen an und öffnet das Angebot eines Hauses enorm“, resümiert sie.

Weitere Informationen zum Ballett „Carmen“

Ansprechperson für Rückfragen: