„Mit etwas Geduld lassen sich neue Ideen in die Welt bringen“
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Frau Prof. Brandt, womit beschäftigen Sie sich in Ihrer Forschung?
Ich erforsche gesellschaftliche Aspekte des Alterns, was natürlich eine große thematische Bandbreite umfasst – umso mehr, da ich mit vielen internationalen Teams zusammenarbeite. Das ist auch sinnvoll, denn durch den Vergleich von verschiedenen Ländern erhält man wertvolle Erkenntnisse darüber, wie unterschiedlich Gesellschaften mit dem Altern umgehen. Die Herausforderungen sind dabei aber ähnlich: Wie erhält man die Gesundheit, welche Rolle spielen Familienstrukturen, wie entwickelt sich soziale Ungleichheit in unterschiedlichen Kontexten? Natürlich ist auch der Klimawandel bzw. die Klimakrise ein drängendes Thema. In Verbindung mit dem Älterwerden schauen wir hier bislang vor allem auf gesundheitliche Risiken, etwa durch Hitze, aber Fragen nach Generationen- und Klimagerechtigkeit oder wie Ältere nachhaltiger handeln, sind noch kaum erforscht. Das möchte ich gerne ändern.
Sie haben die Sachverständigenkommission zum 9. Altersbericht der Bundesregierung geleitet – welche Erfahrungen haben Sie in dieser Zeit gemacht?
Es war eine meiner aufregendsten, spannendsten und lehrreichsten Tätigkeiten bisher und ich bin sehr dankbar dafür – auch wenn die Arbeit für ein „Ehrenamt“ tatsächlich sehr anspruchsvoll war. In so einer Kommission kommen ja zunächst mal ganz unterschiedliche Perspektiven zusammen, dabei kann es natürlich auch zu Meinungsverschiedenheiten kommen. Als Leitung muss man dann viel vermitteln und Kompromisse suchen, das erfordert Offenheit und Geduld aller Beteiligten, damit man am Ende auch ein wirklich gutes Ergebnis erhält. Ich glaube, das ist uns gelungen. Doch auch wenn man damit dann selbstbewusst an die Öffentlichkeit treten kann, gibt es noch immer große Hürden: Finden sich Akteure in der Politik, die Teile der Empfehlungen umsetzen wollen? Finden sie innerhalb ihrer Parteien, Ressorts und darüber hinaus Unterstützung dafür? Unsere Aufgabe war es, aus zahlreichen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Analysen eine gemeinsame Vision für die Alter(n)spolitik zu entwickeln, aber deren Umsetzung liegt dann nicht mehr in unserer Hand, da darf man sich keine Illusionen machen.
Was ist denn besonders wichtig, damit Wissenschaft die Gesellschaft verbessern kann?
Natürlich braucht man erstmal solide wissenschaftliche Erkenntnisse, dabei spielen empirische Daten eine zentrale Rolle. Aber dann braucht es auch Stimmen, die die komplexen, häufig kleinteiligen Analysen allgemeinverständlich für die Menschen übersetzen. Medien spielen hier natürlich eine wichtige Rolle und guter, seriöser Journalismus schafft es, wissenschaftliche Erkenntnisse zu vermitteln ohne dabei die Kernbotschaften zu verfälschen. Leider gibt es aber auch mediale Beiträge, die verkürzen, skandalisieren oder zuspitzen. Damit fühle ich mich sehr unwohl, ich kenne ja die Daten und Methoden dahinter und weiß, dass diese auch mit Unsicherheiten behaftet sind, die man immer mitkommunizieren muss – bei aller Unterstützung für verständliche und einfache Botschaften. Es ist ein Balanceakt. In jedem Fall aber ist es wichtig, sich der Öffentlichkeit zu stellen. Mit etwas Geduld und Spucke lassen sich aus der Wissenschaft neue Ideen in die Welt bringen, die uns dann vielleicht dabei helfen können, einige Herausforderungen unserer Zeit besser zu bewältigen.
Zur Person:
- 2008 Promotion in Soziologie, Universität Zürich
- 2009-2011 Senior Researcher u. Head of Unit Communications, Mannheim Research Institute for the Economics of Aging (MEA), Mannheim
- 2011-2014 Assistant Coordinator (Research) Survey of Health, Munich Center for the Economics of Aging, MPI SOC, München
- Seit 2014 Professur für Sozialstruktur und Soziologie alternder Gesellschaften, TU Dortmund
- 2022-2025 Leitung Sachverständigenkommission zum 9. Altersbericht der Bundesregierung „Alt werden in Deutschland – Vielfalt der Potenziale und Ungleichheit der Teilhabechancen“
- 2023-2027 Sprecherin des Promotionskollegs „Neue Herausforderungen in alternden Gesellschaften“ der Hans-Böckler-Stiftung
Weiterführende Infos:
Der 9. Altersbericht der Bundesregierung
Förderberatung des Referats Forschungsförderung der TU Dortmund
Alle Interviews der Reihe Spotlight Forschung:
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