Wie junge Orang-Utans Überlebenswissen erwerben
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Junge Orang-Utans verbringen ihre ersten rund acht Lebensjahre eng bei ihrer Mutter. In dieser Zeit müssen sie umfangreiches Wissen über ihre Umwelt erwerben. Insbesondere müssen sie lernen, welche Nahrungsmittel geeignet sind, wie sie verarbeitet werden und wo und wann sie zu finden sind. Ein ausgewachsener Orang-Utan ernährt sich von fast 250 verschiedenen Nahrungsmitteln. Die aktuelle Studie unter Federführung des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie am Bodensee zeigt, dass sich junge Orang-Utans deutlich darin unterscheiden, wie sie lernen. Einige beobachten ihre Mutter und andere Artgenossen besonders häufig, andere erkunden ihre Umwelt stärker selbstständig. Entscheidend ist jedoch das Zusammenspiel beider Lernformen: Tiere, die sowohl häufig sozial als auch individuell lernten, verfügten zum Zeitpunkt ihrer Selbstständigkeit über das breiteste Nahrungsspektrum.
Statistische Analyse individueller Lernwege
Für seine Forschung nutzte das internationale Team um Dr. Revathe Thillaikumar vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie Daten aus einer Langzeitbeobachtung wild lebender Sumatra-Orang-Utans in Indonesien. Insgesamt flossen rund 4.700 Beobachtungsstunden von 21 Jungtieren ein – von der Geburt bis zur Selbstständigkeit im Alter von etwa 8,5 Jahren. An der Auswertung war auch Prof. Paul-Christian Bürkner maßgeblich beteiligt, der seit 2023 die Professur „Computational Statistics“ an der Fakultät Statistik innehat. Das Team analysierte knapp 7.000 Beobachtungen zum sozialen und individuellen Lernverhalten. Dafür wurden die individuellen Lernverläufe der Tiere über mehrere Jahre hinweg betrachtet und mit der späteren Entwicklung ihres Nahrungsspektrums verknüpft. So ließ sich der Zusammenhang zwischen den beiden Lernformen und der Entwicklung ihrer ökologischen Kompetenz sichtbar machen.
Soziales Lernen stößt eigenes Erkunden an
Die Forschenden untersuchten unter anderem, wie häufig die Jungtiere ihre Mutter oder andere Orang-Utans aufmerksam beobachteten („Peering“) und wie häufig sie ihre Umgebung selbstständig erkundeten. Dabei zeigte sich, dass soziales Lernen auch das anschließende eigene Erkunden beeinflusst: Nach einer Beobachtung waren die Tiere häufiger mit eigener Exploration beschäftigt. Gleichzeitig erwies sich soziales Lernen als besonders wichtig für die Entwicklung eines breiten Nahrungsspektrums. Selbst bei Tieren, die ihre Umwelt weniger selbstständig erkundeten, konnte ein höheres Maß an sozialem Lernen mit einer größeren Nahrungsbreite einhergehen.
Die Studie zeigt damit erstmals bei wild lebenden Menschenaffen, dass soziale und individuelle Lernprozesse über viele Jahre hinweg zusammenwirken und die Entwicklung komplexer, überlebensrelevanter Fähigkeiten beeinflussen. Welche Bedeutung dieses Lernverhalten für das Überleben und die Fortpflanzung hat, wollen die Forschenden in weiteren Untersuchungen klären.
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