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Gedenken an Natur(?)katastrophen: Zur sozialen Konstruktion von Katastrophengedächtnissen

Beginn: Ende: Veranstaltungsort: Internationales Begegnungszentrum (IBZ), Emil-Figge Straße 59, 44227 Dortmund
Veran­stal­tungs­art:
  • Vortrag
Associate Prof. Julia Gerster (Tohoku University) hält einen Vortrag zum Thema Katastrophenschutz und -gedächtnis mit einem besonderen Schwerpunkt auf Japan. Sie ist Gambrinus-Fellow an der Fakultät Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bildungsforschung. Der Vortrag wird auf Deutsch gehalten und ist offen für alle Interessierten.

„Naturkatastrophe“ – kaum ein Begriff ruft so unmittelbar Assoziationen hervor wie dieser: Bilder von Erdbeben, Tsunamis, Vulkanausbrüchen oder Überschwemmungen, die als unaufhaltsame Naturgewalten erscheinen. Doch ob eine Naturgewalt tatsächlich zur Katastrophe wird, ist kein naturgegebener Automatismus. Vielmehr ist es das Zusammenspiel von gesellschaftlichen Strukturen, politischen Entscheidungen, infrastrukturellen Gegebenheiten und individuellem Risikobewusstsein, das über Ausmaß und Wirkung eines Ereignisses entscheidet.

Der Vortrag geht der Frage nach, wie Katastrophen sozial beeinflusst und erinnerungskulturell verarbeitet werden und legt offen, wie Erinnerung stets auch Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse ist: Wie beeinflusst Erinnerungskultur Risikokompetenzen? Wer wird erinnert, wer wird übergangen? Wer spricht mit welcher Autorität über „die Lehren aus Katastrophen“?

Japan als Beispiel einer vielfältigen Katastrophengedächtniskultur

Im Zentrum steht dabei Japan – ein Land, das nicht nur geologisch im pazifischen Feuerring liegt und regelmäßig von Vulkanausbrüchen, Erdbeben, Tsunamis und Taifunen heimgesucht wird, sondern auch eine besonders ausgeprägte Katastrophengedächtniskultur entwickelt hat. Mit Hunderten von Gedenkstätten, Museen, Mahnmalen, Ritualen und Bildungsprogrammen stellt Japan ein besonders vielschichtiges Beispiel dar, um die kulturellen, politischen und sozialen Dimensionen von Katastrophenerinnerung zu analysieren.

Anhand ethnographischer Beispiele wird aufgezeigt, wie Erinnerungskulturen nicht nur der Vergangenheitsbewältigung dienen, sondern aktiv zur Gestaltung von Zukunft beitragen: als Mittel der Bildungsarbeit, der politischen Mobilisierung und der kollektiven Vorbereitung auf kommende Krisen. Dabei wird auch kritisch hinterfragt, welche Vorstellungen von „Lernen aus der Katastrophe“ dominieren, und wie Gedenkkulturen sowohl Inklusion als auch Ausschlüsse produzieren, wodurch wiederum politische und soziale Aushandlungsprozesse sichtbar gemacht werden.