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3 Fragen an Dr. Gregor Betz zu seiner Dissertation „Vergnügter Protest”

In seiner Dissertation „Vergnügter Protest” untersucht Dr. Gregor Betz, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Allgemeine Soziologie, die Bedeutung von Spaß bei Protestaktionen. Im Interview spricht er über Schnippeldiskos und Nachttanzdemos und erklärt, inwiefern auch Pegida-Demos einen Eventcharakter haben.

Welche Rolle spielt Spaß bei Protestaktionen?

Das hängt natürlich vom Grad der persönlichen Betroffenheit der einzelnen Teilnehmerinnen und Teilnehmer ab. Doch selbst bei „ernsten“ Themen spielt Spaß eine wichtige Rolle als Ausgleich für Entbehrungen, zur Stärkung der Solidargemeinschaft und als treibende Motivationskraft. Hinzu kommt, dass gerade in den letzten Jahren etliche neuartige Protestformen erprobt wurden, die Spaß verstärkt in den Vordergrund stellen: Schnippeldisko, Nachttanzdemo, Critical Mass, Silent Climate Parade etc.

 

Werden politische Forderungen schlechter wahrgenommen, wenn es vielen Protestierenden vorwiegend um ihr Vergnügen geht, etwa bei einer Nachttanzdemo? Oder profitieren sie durch den Eventcharakter von einer höheren Reichweite?

Tendenziell konnte ich empirisch feststellen, dass eine gewisse Portion Vergnügen und guter Laune einer Protestbewegung aus den oben genannten Gründen nutzt. Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer, mit denen ich gesprochen habe, lehnen sogar Formate ab, bei denen nicht auch Spaß eine Rolle spielt – die so genannten „langweiligen Latschdemos“. Auch Medienakteure scheinen kreative Aktionen zu bevorzugen, die spannende Geschichten und spektakuläre Bilder erzeugen. Allerdings konnte ich auch Spannungen dort feststellen, wo die Ziele eines Ereignisses nicht mehr klar sind und die Teilnehmenden einander widersprechende Interessen verfolgen.

 

In Ihrer Studie untersuchen Sie vorwiegend Protestveranstaltungen, die offen mit dem Faktor Spaß werben. Denken Sie, dass die Suche nach Spektakel und kollektivem Erleben auch beispielsweise für Anhängerinnen und Anhänger von Pegida eine Rolle spielt?

Auch wenn die Pegida-Bewegung für Außenstehende nicht „bunt und kreativ” wirkt, so bietet auch sie ihren Teilnehmerinnen und Teilnehmern wichtige Elemente von zeitgenössischen Events. Zum Beispiel die Pegida-Reden des „Initiators” Lutz Bachmann: Das ist oftmals (populistischer) Klamauk! In meiner Studie werte ich unter anderem aus, was Protestierende als Spaß erleben: Gemeinschaftserlebnisse, eine besondere Atmosphäre, die Rahmung als irgendwie gesellschaftlich bedeutsam sowie das Handeln auf geteilte Ziele zu. All dies trifft auch bei Pegida zu: die Solidarisierung als starke Gemeinschaft an gesellschaftlich bedeutenden Orten der Stadt, gesellschaftliche und mediale Aufmerksamkeit sowie populistische Ziele. Die eventisierte Protestform darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier inhaltlich Ressentiments und Ängste geschürt werden und Pauschalisierungen dominieren.

 

Dr. Gregor J. Betz ist seit Januar 2009 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Allgemeine Soziologie. Er forscht zu Eventisierung, Protest, Religion und Modernisierung und promovierte im Jahr 2015 mit einer Dissertation zu 'Vergnügtem Protest', die nun bei Springer-VS erschienen ist.