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Drei Fragen an Hip-Hop-Forscherin Dr. Sina Nitzsche zu Chemnitz, Kraftklub und politischer Identität

Nach Ausschreitungen, Demos und #wirsindmehr äußert sich Dr. Sina Nitzsche von der TU Dortmund zu Kraftklubs Heimatstadt Chemnitz. Die in Chemnitz geborene Gründerin des European Hip-Hop-Studies Netzwerks hat bereits über verschiedene Facetten von populären Kulturen publiziert – unter anderem im Jahr 2017 über die Band Kraftklub und ihre Bedeutung für Chemnitz. Die jüngsten Ereignisse in Chemnitz bekräftigen die Forschungsergebnisse der Kulturwissenschaftlerin des Instituts für Anglistik und Amerikanistik der TU Dortmund.

Dr. Nitzsche, Sie stammen aus Chemnitz und lehren und forschen nun im Ruhrgebiet. Wie haben Sie die letzte Woche erlebt?

Es war ein Wechselbad der Gefühle. Am Anfang war ich geschockt über die offene und aggressive Zurschaustellung faschistischer Ideologien und Symbole in „meiner“ Stadt. Mein Partner war am 27. August auf der Gegendemonstration und hat mir seine Eindrücke aus erster Hand geschildert.

Überrascht von dem Ausmaß der rechten Demonstration war ich nicht, denn ich bin in den 1990er-Jahren in der Nähe von Chemnitz aufgewachsen, als Rechte systematisch die vom Staat vernachlässigten Bereiche z.B. in der Jugend- und Sozialarbeit besetzt haben und dadurch ein völkisches Denken tief in der Mittelschicht verankern konnten.

Ich bin gleichzeitig sehr stolz auf die Kulturschaffenden der Stadt, insbesondere aus dem Umfeld des Atomino e.V., die das #wirsindmehr-Konzert in so kurzer Zeit erfolgreich auf die Beine gestellt haben. Chemnitz hat eben auch eine lange Tradition von Kulturschaffenden, die für Demokratie und Vielfalt kämpfen. Nur wurde diese Szene lange Zeit eher selten gewürdigt oder übermäßig unterstützt.

In Ihrer Publikation mit Ihrem Kollegen Eric Erbacher zur postsozialistischen Identität in Chemnitz haben Sie anhand von Kraftklub gezeigt, welche Rolle Popmusik in schrumpfenden Städten spielt. Können Sie Ihre wichtigsten Ergebnisse dazu kurz zusammenfassen?

In schrumpfenden Städten, wie zum Beispiel in Chemnitz oder im Ruhrgebiet, brechen etablierte Strukturen und Identitätsentwürfe weg. Chemnitz hat sich traditionell als Industrie- und Arbeiterstadt verstanden. Diese Identitätsschicht ist nach der Wende und im Strukturwandel zum Großteil weggefallen. Populäre Kulturen und Musiken leisten einen wichtigen Beitrag zur Erneuerung von urbanen Identitäten, so auch in Chemnitz.

Als 2012 Kraftklub den kommerziellen Durchbruch mit ihrem Album „Mit K” hatte, beobachtete ich, dass viele Chemnitzer stolz auf ihre von der Nachwendezeit gebeutelte Stadt wurden. Was war geschehen? Eric Erbacher und ich haben herausgefunden, dass Kraftklub in ihren Texten auf kreative, poetische und ironische Weise die Probleme und Tabus der Nachwendezeit, wie z.B. Massenarbeitslosigkeit, Schrumpfung und Rechtsradikalismus, verhandelt haben. In Liedern wie „Karl-Marx-Stadt“ haben sie sich zum Beispiel zum Underdog-Image ihrer Heimatstadt bekannt. Damit haben sie ihrem Publikum wichtige Identifikationsangebote gemacht, die im offiziellen und politischen Diskurs der Stadt lange tabuisiert worden sind.

Welche Alternative bietet Kraftklub an?

Dass man auf seine Heimatstadt trotz aller Probleme und Herausforderungen stolz sein kann. Das mag banal klingen, aber für die Chemnitzer, die traditionell mit den Brüchen in ihrer Identität hadern, ist das ein großer Schritt. Kraftklub transportiert und lebt eine gewisse Aufbruchsstimmung. So hat die Band z.B. auch einige Jahre nach dem Weggang des Splash!-Festivals aus Chemnitz, der eine Lücke im kulturellen Leben und Selbstverständnis der Stadt hinterließ, einfach ein neues Festival, das Kosmonaut Festival, an selber Stelle ins Leben gerufen. Kraftklub hat gezeigt, dass Chemnitz mit Engagement wieder zu einem Ort werden kann, wo Zehntausende aus ganz Deutschland gemeinsam feiern. Diese Logik kann Chemnitzern auch heute wieder helfen, die Ereignisse der letzten Tage zu verarbeiten und sich zu erneuern. Ich hoffe, dass das #wirsindmehr-Konzert ein Meilenstein für Chemnitz als Stadt ist. Ich wünsche mir, dass insbesondere junge Menschen in Chemnitz, in Dortmund und darüber hinaus sehen, dass man in einer Demokratie als Individuum oder als Gemeinschaft viel bewegen kann.

ZUR PERSON:

Dr. Sina Nitzsche stammt aus Chemnitz, schloss dort 2005 ihr Magisterstudium ab und arbeitet seit 2008 am Institut für Anglistik und Amerikanistik der TU Dortmund. Seit 2018 ist sie im International Office der Ruhr-Universität Bochum als Koordinatorin und am dortigen Englischen Seminar als Dozentin tätig. Als Kultur-, Bildungs- und Projektmanagerin hat sie in der Vergangenheit zahlreiche Veranstaltungen an der TU Dortmund und in der Stadt organisiert: unter anderem die erste Hip-Hop-Konferenz, die erste Hip-Hop Education Week an der TU Dortmund sowie die erste Hip-Hop Summer School im Dortmunder U.



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