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Eindämmung der Co­ro­na-Pan­de­mie

Initiative „No Covid“ von Prof. Matthias Schneider ruft großes Medienecho hervor

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Porträtfoto Matthias Schneider © Roland Baege​/​TU Dort­mund
Prof. Matthias Schneider ist Leiter der Medizinischen und Biologischen Physik an der TU Dort­mund.

In den ver­gang­enen Tagen und Wochen hat No Covid ein großes mediales Echo gefunden. Zahlreiche Me­di­en wie DIE ZEIT, FAZ und DER SPIEGEL haben über die Initiative be­rich­tet, zu der sich führende Wis­sen­schaft­ler­in­nen und Wis­sen­schaft­ler verschiedener Fachdisziplinen zu­sam­men­ge­schlos­sen haben. Die Gruppe fordert in ei­nem ge­mein­samen Strategiepapier, die Co­ro­na-Infektionen auf null zu senken, um den fortwährenden Wechsel aus Lockdown und Lockerung zu durchbrechen und langfristige Per­spek­tiven für die Ge­sell­schaft, die Wirtschaft sowie den Bildungs- und Gesundheitsbereich zu schaffen. Ihr Stufenmodell orientiert sich an Ländern wie Australien und Neuseeland, in denen die Eindämmung des Virus schon seit Beginn der Pandemie er­folg­reich praktiziert wird. Geformt hat sich die 14-köpfige Gruppe der No-Covid-Strategie um Prof. Matthias Schneider, Leiter der Medizinischen und Biologischen Physik an der TU Dort­mund. Im Interview er­klärt er, wie eine langfristige Strategie aussehen könnte und warum Kommunikation so wich­tig ist.

Prof. Schneider, warum ist es entscheidend, die Infektionszahlen jetzt schnell und möglichst weit zu senken?

Kleine Zahlen sind aus jeder Perspektive am besten: ge­sund­heit­lich, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Warum das nicht von Anfang an klar kommuniziert wurde, weiß ich nicht – aber es ist keine neue Erkenntnis: Wenn ein potenziell großes Risiko vor ei­nem liegt, wartet man nicht ab, sondern handelt proaktiv. Zu Beginn wurde etwa viel über einen vermeintlichen Zielkonflikt zwischen Wirtschaft und Gesundheit gesprochen. Doch nicht einmal der konservativere Flügel in der Ökonomie sieht das so. Leidet das Gesundheitswesen und sind die Men­schen verunsichert, dann leidet auch die Wirtschaft. Planbarkeit und Handlungsfähigkeit sind essenziell, auch für Familien. Unser Familienexperte in der Runde, Menno Baumann, kann belegen, dass es in erster Linie das Ungewisse ist, das zu Stress bei Eltern und Kindern führt. Immer wieder Qua­ran­täne, unerwartete Veränderungen, Schul­schlie­ßun­gen – das ist das Problem. Einen Lockdown sollte man daher richtigmachen, damit man ihn nur einmal ma­chen muss.

Wie macht man einen Lockdown aus Ihrer Sicht richtig?

Ein Lockdown und dessen Lockerung sollte nicht einfach an ein beliebiges Datum geknüpft sein. Das ist noch unlogischer als zu sagen, ein Alkoholverbot im Straßenverkehr gelte nur von 12 bis 18 Uhr. Die Lockerungen müssen stattdessen von dem Erreichen eines Ziels abhängen – zum Beispiel sollten die Neuinfektionen mit unbekannter Ansteckungsquelle wö­chent­lich unter 10 pro 100.000 Einwohnern liegen. Der Inzidenzwert darf durchaus höher sein, da Men­schen in Qua­ran­täne nicht zu wei­te­ren Ansteckungen beitragen. Ist eine Beendigung des Lockdowns an diese Bedingung geknüpft, erhöht das auch die Motivation der Men­schen, sich an die geltenden Regeln zu halten. Die Ge­sell­schaft holt sich die Kon­trol­le zurück und lässt sich nicht vom Virus dominieren. Dass dies funktioniert, haben viele Länder gezeigt, bei­spiels­weise Australien – im Übrigen eine De­mo­kra­tie mit ähnlich föderalen Strukturen wie Deutsch­land und Metropolen größer als München. Dort haben Restaurants und Fitnessstudios längst wieder geöffnet, so­gar Konzertbesuche sind wieder mög­lich. Auch in Deutsch­land kön­nen wir dies noch erreichen, wir müssen aber schnell handeln, bevor die deutlich ansteckenderen Mutationen sich weiter ausbreiten und die Pandemie immer weiter außer Kon­trol­le gerät.

Wie sähe eine No-Covid-Strategie nach dem Vorbild Australiens aus?

Im Prinzip kann man sich das an Deutsch­land anschauen: Der Lockdown letztes Frühjahr war völlig ausreichend, die Zahlen sind stark gesunken, aber es gab keine Strategie für die Zeit danach. Das soll jetzt anders laufen. Dieser Lockdown muss sich lohnen. Damit die Men­schen sich konsequent an die Regeln halten, ist es wich­tig, dass von der Politik ganz klar kommuniziert wird, welches Ziel verfolgt wird und wie die langfristige Strategie dafür aussieht. Es geht uns gar nicht um einen Mega-Lockdown mit Grenz- und Firmenschließungen, bis die Null erreicht ist. Die Idee unseres Green-Zone-Modells ist es vielmehr, möglichst schnell wieder lokal öffnen zu kön­nen.

Wie genau funktioniert dieses Zonen-Modell?

Gebiete, in denen es wenige Wochen lang keine Neuinfektionen gibt, wer­den zu grünen Zonen er­klärt. Hier kön­nen die Men­schen zur Quasi-Normalität zurückkehren, auch wenn der Rest des Landes noch nicht so weit ist. Dort, wo es noch Ansteckungen gibt, bleiben strenge Beschränkungen bestehen, um die grünen Zonen zu schützen. Verkehr über Zonen hinweg ist dann erlaubt, wenn er essenziell ist, zum Beispiel aus beruflichen Gründen. Allerdings müssen – zum Schutze der virusfreien grünen Zone – besondere Vor­sichts­maß­nahmen berücksichtigt wer­den. Bemühungen der Industrie, die Mo­bi­li­tät ihrer Beschäftigten für ein paar Wochen einzuschränken, sollten ermutigt und unter Umständen so­gar subventioniert wer­den. Hieraus ergibt sich auch ein Wettbewerb zwischen den Regionen, der ein zusätzlicher Ansporn ist, die Null zu erreichen. Die Vier-Millionen-Metropole Melbourne hat dafür gerade einmal rund vier Wochen ge­braucht.

Macht es nicht einen Unterschied, dass Deutsch­land anders als Australien und Neuseeland keine Insel ist?

Ehrlich gesagt stehen mir bei diesem Argument nicht nur als Physiker die Haare zu Berge: Der Mond ist auch kein Apfel, aber trotzdem folgen beide denselben Naturgesetzen. Das Modell kann in der Praxis sehr vielschichtig angewendet wer­den, daher funktioniert es in so vielen ver­schie­de­nen Gebieten, zum Beispiel in China, Taiwan und Singapur. Natürlich gibt es Unterschiede, aber Thüringen ist auch nicht Bayern. Man muss offen sein, von anderen zu lernen – und das schnell. Deswegen habe ich zum Beispiel auch die Verantwortlichen in Australien und Neuseeland zu ihrer Strategie befragt.

Warum spielt Kommunikation in der Pandemie so eine wichtige Rolle?

Die Bürgerinnen und Bürger müssen miteinbezogen wer­den. Das unterstreichen in unserer Runde auch die Politikwissenschaftlerin Elvira Rosert und der Politikwissenschaftler Maximilian Mayer ebenso wie Stephen Ducket und Michael Baker, die die Regierungen von Australien und Neuseeland in der Pandemie beraten. Es wird Men­schen motivieren, sich an die Regeln zu halten, wenn ein klares Ziel und eine langfristige Strategie offen kommuniziert wer­den. Dies war in Australien der Fall. Dort konn­ten die Infektionsfälle so­gar schneller als angenommen gesenkt wer­den, weil sich sehr viele Men­schen an die Regeln gehalten haben, um möglichst bald von den Lockerungen zu profitieren. In Deutsch­land wer­den aktuell nur vage Pläne und Durchhalteparolen kommuniziert, die zu Ungewissheit führen und im schlechtesten Fall das Vertrauen der Bevölkerung in die Institutionen zerstören. Verständlicherweise drängen viele Geschäftsleute auf eine baldige Beendigung des Lockdowns. Es nutzt jedoch nichts, wenn man durch eine verfrühte Öffnung einige Geschäfte retten kann, dies aber einen neuen Lockdown verursacht, bei dem dann umso mehr Geschäfte aufgeben müssen. Mit dem No-Covid-Plan eröffnen wir stattdessen Planungssicherheit und Perspektive, was am Ende allen nützt. Das Anliegen von No Covid ist es nicht, die Freiheit jedes Einzelnen zu beschränken, sondern im Gegenteil, Freiheit schnell und nachhaltig wieder zu ermöglichen. Wir müssen das Virus so weit wie mög­lich proaktiv kontrollieren und dürfen nicht – wie im bisherigen reaktiven Verhalten – davon kontrolliert wer­den.

War das Ihre Motivation für No Covid?

Ja, es schien mir im letzten Frühjahr alles so klar: Kleine Zahlen erreichen, dann alle kleinen Restfeuer über den Sommer löschen und gut ist. Stattdessen ging plötzlich das Gerede ‚Wir müssen uns an das Virus gewöhnen‘ los. Ein inhaltsleerer und gefährlicher Satz. Stellen Sie sich vor, jemand sagt ‚Wir müssen uns an die Verkehrstoten, verhungerten Kinder oder Krebskranken gewöhnen‘. Nein, das müssen wir nicht, das dürfen wir nicht! Auch dort gilt: je weniger desto besser und wenn mög­lich die Null. Es gibt ja eigentlich nur zwei Wege mit dem Virus umzugehen: Entweder man lässt es eine Bevölkerung durchlaufen oder man drängt es radikal zurück. Meiner Ansicht nach kann kein Mensch ehrlich behaupten, dass Durchlaufen eine Option wäre. Man sollte sich die goldene Regel ins Gedächtnis rufen: Wenn ich mal zur Risikogruppe gehöre, wird mich die Ge­sell­schaft hoffentlich nicht als ‚verzichtbar‘ betrachten.

Und wie kam es letztlich zu Ihrer Initiative und dem Strategiepapier?

Auslöser war mein Artikel letzten September in der ZEIT über die phy­si­ka­lischen Gesetze einer Pandemie. Daraufhin kam es zum Austausch mit anderen besorgten Bürgerinnen und Bürgern und zu der Idee, das Gespräch mit Yaneer Bar-Yam, dem Pionier der Green-Zone-Methode, und dem australischen Gesundheitsökonomen Stephen Ducket zu suchen. Das hat wiederum die Virologin Melanie Brinkmann und den Mediziner Michael Hallek an Bord gebracht. Über die beiden sind dann viele wei­tere angesehene Wis­sen­schaft­ler­in­nen und Wis­sen­schaft­ler dazugestoßen. Wir sind eine bunt gemischte Truppe, eine Art Think Tank, und wir sind vor allem unabhängig – so wie es laut Einstein sein sollte. Nach vielen schlaflosen Nächten – die übrigens anhalten – haben wir nur sechs Tage nach unserem ersten Treffen das Strategiepapier ver­öf­fent­licht und die Me­di­en haben sofort darüber be­rich­tet. Die Dynamik war irre, der Weg nicht vorhersehbar, aber unsere Motivation war und ist, et­was zu ändern. Und wenn am Ende alles nichts hilft, dann kön­nen wir unseren Kindern zumindest mal sagen, dass wir es versucht haben. Wir haben uns zu­sam­men­ge­tan, weil wir unsere freie Ge­sell­schaft er­hal­ten wol­len. Wir durchleben derzeit in vielerlei Hinsicht eine massive Krise, die eine Virologin oder ein Physiker alleine nicht lösen kön­nen. Wir müssen daher interdisziplinär zu­sam­men­ar­bei­ten und voneinander lernen, auch von anderen Ländern.

Täglich erreichen Sie unzählige Medienanfragen zum The­ma No Covid. Waren Sie darauf vorbereitet?

Nun, damit mussten wir rechnen. Die Men­schen sind verunsichert, was ein enormes mediales In­te­res­se­ erzeugt. Zum Glück sind wir eine Gruppe aus inzwischen 14 Personen, die sich gegenseitig un­ter­stüt­zen. Das ist wich­tig, damit in dem Trubel die Familie nicht völlig auf der Strecke bleibt. Ich selbst empfinde die Präsenz in den Me­di­en mitunter als anstrengend und versuche mich daher aus dem ganz großen Rummel herauszuhalten. Da sind andere deutlich besser als ich. Außerdem hilft es mir dabei, den Fokus auf den Fortschritt in der Sache zu legen. Denn wir haben hier ein echtes Problem vor uns und unser Vorschlag braucht viel Gehirnschmalz. Man muss letztlich dort überzeugen, wo die Entscheidungen getroffen wer­den – sonst bleibt nichts als ein mediales Strohfeuer.

 

Website der Initiative „No Covid“

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