Ausgabe
3/04
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Von der »Maus« bis zur
Wissenschaftskritik
Interview mit dem Wissenschaftsredakteur
Holger Wormer vom Institut für Journalistik (IfJ)
der Universität Dortmund
Abstract: The media is giving more and more column space to science reporting. To meet this increased need for well-grounded information on scientific issues such as stem-cell research, cloning, mad-cow disease or bioethics, the University of Dortmund has created a new degree program called »Science Journalism«. Students will learn to master the tools of the journalistic trade and acquire basic scientific and engineering knowledge so they can get up to speed on new topics and provide vivid, accessible
reporting.
Herr Wormer, »Wissenschaftsjournalismus« gibt es als neuen Studiengang an der Universität Dortmund. In den Medien ist seit einigen Jahren ein Trend hin zur Wissenschaftsberichterstattung zu verfolgen. Neue Sendungen kommen ins Fernsehen, Zeitungen legen sich zusätzliche Wissensseiten zu. Woher kommt plötzlich das starke, neue Interesse an der Wissenschaft?
Ich weiß gar nicht, ob es so plötzlich kommt. Natürlich gab es ein paar Ereignisse, die auch in politischen Redaktionen das Bewusstsein dafür geweckt haben, dass wir uns verstärkt mit wissenschaftlichen Themen auseinander setzen müssen. Zum Beispiel 1997 das Klonschaf »Dolly« – niemand hatte damit gerechnet, dass es so einen Wirbel geben würde. Später kam das Human-Genom-Projekt, dann die Stammzellendebatte. Das sind drei Faktoren, die deutlich gemacht haben: Hier ist ein Themenbereich, um den man sich mehr kümmern muss.
Zum zweiten setzt sich womöglich die Erkenntnis durch, dass die Leute auf den Titelseiten nicht ständig nur von der Führungskrise der CDU, SPD oder FDP lesen wollen, sondern dass sie durchaus Interesse an wissenschaftlichen Themen haben. Wenn »Der Spiegel«, »Focus« oder »Stern« so häufig mit einem Wissenschaftsthema auf der Titelseite aufmachen, dann nicht etwa wegen eines »Bildungsauftrags« nach PISA, sondern, weil sich solche Themen gut verkaufen.
Dieses Bewusstsein setzt sich nach und nach bei den Chefredaktionen durch. Das ist umso erstaunlicher, als die meisten Chefredakteure eher eine politische Sozialisation haben.
Die Zeitung, von der Sie kommen, die »Süddeutsche Zeitung«, hat seit einiger Zeit eine fast tägliche Wissenschaftsseite. Was sind die Gründe dafür?
Eine Frage war schlicht: Wird man dem Thema gerecht, wenn man einmal die Woche eine mehrseitige Wissenschaftsbeilage macht und für aktuelle Ereignisse immer einen Platz in der Zeitung suchen muss?
Kann man so etwa dem Thema Arzneimittelskandal wie jüngst bei »Vioxx« gerecht werden? Und andererseits die Erkenntnis durch Umfragen, dass Wissenschaft beim Leserinteresse ganz vorne steht!
Sie als »Wissenschaftsjournalist« kommunizieren Wissenschaft als Mittlerin zwischen Fachwelt und Öffentlichkeit. Warum? Was ist für Sie das Interessante und Spannende an diesem Beruf?
Ich habe zwar Chemie studiert, aber ich hatte von Anfang an ein Doppelinteresse. Schon in der Schule hatte ich Chemie und Deutsch als Leistungskurs, weil ich sowohl die sprachliche als auch die naturwissenschaftliche Seite interessant fand. Ich habe bereits mit 17 Jahren für die »Rheinische Post« geschrieben und dies parallel zu Schule und Studium weitergeführt.
Und: Chemie alleine wäre mir zu fachspezifisch gewesen, zu »tief«. Jedes Detail, sozusagen jedes einzelne Atom im Rahmen einer Doktorarbeit über drei Jahre zu beobachten, das ist nichts für mich. Sich aber anzuschauen, wie steht die Chemie im Kontext zu anderen Wissenschaften oder zu den Medien, das finde ich spannend, denn es ist interdisziplinär. Das Schöne an dem Beruf ist auch, dass man so
gar dafür bezahlt wird, dass man täglich etwas dazu zu lernen darf.
Stellt sich die Frage, wie Wissenschaft kommuniziert wird. Was ist für Sie Wissenschaftsjournalismus?
Ich denke, es gibt da zwei Seiten, zwei Extreme. Einerseits den Erklär-Wissenschaftsjournalismus: Man geht mit Staunen durch die Welt. Das ist das Prinzip der »Sendung mit der Maus« oder von »Galileo« – der klassische Ansatz, bunter Erklärjournalismus.
Die andere Seite ist die kritische Beobachtung und Einordnung von Wissenschaft und Wissenschaftspolitik, bei welcher der Journalist auch eine Kontrollfunktion wahrzunehmen hat – etwa: Ist es sinnvoll, diesen neuen Teilchenbeschleuniger zu bauen? Wie sieht es mit der Qualität der klinischen Forschung in Deutschland aus?
Und wie sollte Wissenschaftsjournalismus aussehen? Was sind Wissenschaftsjournalisten?
Dass es diese beiden Extreme gibt, will ich den Studierenden vermitteln. Dazu kommt ein Grundverständnis von Wissenschaft für den Beruf. Da taucht natürlich die Frage auf: Geht das? Können Wissenschaftsjournalisten Chemie, Biologie, Physik und Medizin beherrschen – oder ist das zu viel verlangt? Ich sage: Es reicht ein Grundverständnis.
Das ist, wie wenn Sie nach Spanien in Urlaub fahren. Was machen Sie? Sie kaufen sich einen Reiseführer. Dort stehen hinten auf der letzten Seite die hundert wichtigsten Begriffe. Da schaut man rein und macht schon nach kurzer Zeit einen ganz gewaltigen Sprung nach vorne, wenn man nur »Bitte«, »Danke«, »Ja«, »Nein« und »Guten Tag« verstehen kann. Sie verstehen die Spanier zwar immer noch nicht im Detail, kommen aber mit vielen Situationen besser klar.
Und so ist es mit diesem Studiengang: dass man den Studierenden ein paar Daten an die Hand gibt, an denen sie dann ihr Gesamtverständnis festmachen können. Zum Beispiel, wie Wissenschaft funktioniert. Was ein »peer review« ist. Was eine Fachzeitschrift ist. Wie man einen möglichst guten Experten erkennt. Dazu kommt das übliche journalistische Handwerkszeug, etwa lebendig und verständlich zu schreiben. Für jedes neue Wissenschaftsthema müssen sie sich dann zwar immer noch einarbeiten und recherchieren, aber dafür haben sie einen besseren Ausgangspunkt.
Wie unterscheidet sich denn überhaupt Wissenschaftsjournalismus vom sonstigen Journalismus?
Vielleicht gar nicht! Aber im Ernst: Ich glaube, dass das Gebiet des Wissenschaftsjournalismus die vergangenen Jahrzehnte darunter gelitten hat, dass immer wieder die Sonderrolle, die Kluft zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit, die Missverständnisse zwischen Wissenschaftlern und Journalisten betont und damit zementiert
wurden. Vom grundsätzlichen Arbeiten her ist der Unterschied oft gar nicht groß. Zwei Unterschiede lassen sich natürlich nicht wegdiskutieren: dass viele Wissenschaftler es immer noch nicht gewohnt sind, mit Journalisten zu reden und dass Journalisten häufig eine Sozialisation haben, die auf Politik, Germanistik, Jura oder BWL basiert.
In welchen Gebieten tummeln sich denn Wissenschaftsjournalisten? Nur in den so genannten »harten« Naturwissenschaften oder auch in den »weichen« Geisteswissenschaften?
Die reflexartige Antwort ist: Natürlich zählen die Geisteswissenschaften dazu! Andererseits sind die deutschen Medien anders strukturiert. Da versteht man unter Wissenschaftsjournalismus die Berichterstattung über technisch-naturwissenschaftliche Themen, dazu Ingenieurwesen, Medizin, Psychologie, Archäologie. Soziologie und Geschichte werden im Regelfall nicht von der Wissenschaftsredaktion betreut und haben ihren Platz eher auf der Feuilletonseite oder im Politik-Ressort. Natürlich gibt es da Grenzfälle wie die Bioethik-Debatte. Da schreibt dann der Feuilleton-Kollege genau wie der Kollege aus dem Wissenschaftsressort. Das spiegelt sich auch an dem Lehrstuhl hier wider, der den Schwerpunkt auf naturwissenschaftlich-technischem Gebiet hat.
Wenn sich die Wissenschaftsberichterstattung erweitert hat, hat sich auch das Zusammenspiel von Medien und Wissenschaftlern gewandelt?
In den 80er Jahren findet man noch häufiger das Bild vom zerstreuten Professor wie in einem Hollywood-B-Film. Heute nehmen Redebereitschaft und Redegewandtheit von Wissenschaftlern im Umgang mit Medien zu. Vielleicht auch, weil viele gemerkt haben, dass es zwar gut ist, in »Science«, »Nature«, etc. zu publizieren, aber dass es für Drittmittel, etwa von Stiftungen, auch sinnvoll ist, gelegentlich in der »Tagesschau« zu erscheinen.
Zum Teil geben Wissenschaftler sogar bereitwilliger Auskunft, als Journalisten es wollen. Der Wissenschaftsjournalist muss daher heute viel mehr filtern: Warum will Professor XY eigentlich plötzlich so dringend mit mir reden? Hat er eine Biotech-Firma gegründet, die gerade an der Börse abschmiert? Oder läuft eine Zwischenfinanzierung aus, braucht er eine Anschlussfinanzierung und muss daher in der Presse werben? Warum kommt ausgerechnet jetzt diese Pressemitteilung oder jene Publikation?
Also der Versuch, die Medien für eigene Zwecke zu vereinnahmen. Ist Ihnen da ein besonderer Fall im Gedächtnis geblieben?
Bestes Beispiel: Ich habe mich schon vor dem ersten großen hausgemachten deutschen BSE-Fall mit der Krankheit beschäftigt und war erstaunt, wie viele BSE-Forscher wir danach plötzlich hatten! Ich kannte vorher dreieinhalb, auf einmal waren es 30! Da war jetzt Geld zu holen, und plötzlich war jeder ein BSE-Forscher, der damit im weitesten Sinne zu tun hatte! Und da ist die Herausforderung für den Wissenschaftsjournalisten – zu unterscheiden, ob das wirklich gute Wissenschaft ist, oder ob es nur darum geht, Geld locker zu machen.
Der neue Studiengang »Wissenschaftsjournalismus« beinhaltet zur Hälfte ein Fachstudium in naturwissenschaftlichen Fächern. Welche Verbindungen gibt es sonst noch zur Naturwissenschaft?
Ich möchte die Chance nutzen, mit diesem Studiengang innerhalb der Uni interdisziplinär zu arbeiten, eine Brücke zu bauen zwischen Natur- und Ingenieurwissenschaften auf der einen und den Geisteswissenschaften mit der Journalistik auf der anderen Seite. Das kann so aussehen, dass die Studierenden in einer Vorlesung die Aufgabe haben, sich die schlimmsten Themen aus ihren naturwissenschaftlichen Fachvorlesungen herauszusuchen – das, was sie noch nie verstanden haben.
Und dies journalistisch aufbereiten mit dem Ziel, es dabei zu verstehen und gleichzeitig eine Methode zu entwickeln, wie man es dem Leser oder Zuhörer besser erklären kann. Im Idealfall konfrontieren sie ihre Dozenten aus den entsprechenden Fachvorlesungen mit ihren Ergebnissen. Durch diesen Kreislauf könnten beide Seiten voneinander lernen.
Welches Thema würden Sie sich dann vorknöpfen?
Was ich in der Chemie nie mochte, waren diese ganzen Gitter- und Raumstrukturen in der Kristallographie. Da hätte ich mich sehr drüber gefreut, etwas an die Hand zu bekommen, damit ich das besser in meinen Kopf hineinbekomme!
Das Interview führte Joachim
Hecker.
Zur Person: Prof. Holger Wormer ist 35 Jahre alt und gebürtig aus Achern bei Baden-Baden. Aufgewachsen ist er in Wülfrath. Durch Leichtathletik-Wettkämpfe im Dortmunder Stadion »Rote Erde« kam er schon früh in Kontakt mit der Westfalenmetropole. Nach dem Wehrdienst studierte er ab 1989 in Heidelberg, Ulm und Lyon Chemie mit Philosophie im Nebenfach. 1995 schloss er sein Studium mit dem Diplom ab. Seit 2004 hat er den Lehrstuhl für »Wissenschaftsjournalismus« am Institut für Journalistik inne.
„Reisen bildet“ findet er, und so zählt Reisen neben Sport, Lesen und Schreiben zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Ein Motto von ihm lautet: „Was man mit Leidenschaft tut, macht man gut.“ Gerade erschienen ist von ihm das Buch »Schöne Bescherung!« (zusammen mit Hubert Filser, Herder, Freiburg, 160 Seiten, ISBN 3-451-28539-8) mit 24 wissenschaftlichen Wahrheiten zu Weihnachten. |
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